Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
27. Sitzung vom 8. September 1982
Sellin
(A) waren es bereits 1 800 Mio DM, die für die Absatzförderung nach
dem Gießkannenprinzip über die Berliner Wirtschaft verteilt
wurden, und da sind gewinnträchtige Betriebe dabei genauso wie
Betriebe, die Verluste machen.
Bei diesen riesigen Subventionssummen, die ja nicht während
einer Debatte über die Änderung des Berlinförderungsgesetzes gestoppt
sind, sondern durch die Änderung der Anspruchsberechtigung
ca. zur Hälfte - also von 1 800 Mio DM werden 900 Mio DM
anders verteilt - fragt man sich, welche übertriebenen Hoffnungen
der Senat eigentlich auf diese wirtschaftspolitisch immanenten
Änderungen setzt. Sie sind weder radikal noch können sie die strukturpolitischen
Fehlentscheidungen der letzten 20 Jahre in Berlin
rückgängig machen. Wenn Konzerne ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen
nach Westdeutschland verlegt haben und
allenfalls noch verlängerte Werkbänke in Berlin betreiben, dann hat
das Instrumentarium der Subventionierung der Absätze auf der
Grundlage von Umsätzen der Unternehmen nur dazu beigetragen,
die Innovationsfähigkeit der Berliner Industrie zu untergraben. Die
durch die beabsichtigte Änderung der Herstellerpräferenz im
Rahmen des Berlinförderungsgesetzes besondere Gewichtung
höherer bezahlter Einkommen für das Subventionsziel der Ansiedlung
von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sowie daraus
resultierender Produktionsanlagen wird sich als unfähig erweisen,
den Trend der Vergangenheit umzukehren.
Der Berliner Senat hat in den letzten Wochen in seinem Strukturprogramm
für neue Arbeitsplätze, das sich im wesentlichen auf
Klein- und Mittelbetriebe bezieht, zwei Beispiele für eine sogenannte
Anschubfinanzierung für zukunftsorientierte Technologien
in den Bereichen Verkehr und Energie vorgestellt. Von diesen
beiden Projekten, so wird im Programm ausgeworfen, werden 860
neue Arbeitsplätze erwartet. Solch eine projektorientierte und Verkehrs-
und energiepolitisch gedachte Subventionspolitik als
Beschäftigungspolitik im Resultat für Berlin würde den Subventionseinsatz
von Steuergeldern nachprüfbar machen, und man
würde einen Beschäftigungseffekt erreichen, der tatsächlich zu
einer Veränderung der Strukturen der Berliner Industrie insgesamt
führen würde und zu einer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Welt-(B)
markt. Mit solch einer Politik würden Mitnahmeeffekte durch den
zeitlich begrenzten Subventionsplan für solche Projekte ausgeschaltet.
Überträgt man diese Methode auf die Betriebe in der Brunnenstraße
von AEG, so könnte einerseits der Auftragsbestand, der ja
bis 1983/84 reicht, erfüllt werden und andererseits andere Produkte,
die durch Innovation aus den Bereichen von Forschung und Entwicklung
auch der Universitäten eingebracht werden könnten, hergestellt
werden, die teilweise durch staatliche Nachfrage offensichtlich
auch in absehbarer Zeit nachgefragt werden können. Ich sage
teilweise. Es gibt einfach Produkte, die die AEG hersteilen kann, sei
es Blockheizkraftwerke, sei es Entschwefelungsanlagen usw. Wir
haben einige Beispiele aufgezählt.
Es ist gut vorstellbar, auch für einen Außenstehenden, für einen
Laien, daß die Bahntechnik nicht nur wegen dem M-Bahn-Projekt
expandieren kann, sondern erst recht durch die hoffentlich baldige
Übernahme und Sanierung der S-Bahn in Berlin. Durch die Planung
und Fertigung alternativer Produkte zur derzeitigen Montage von
Kleinmotoren usw. in der Brunnenstraße würde die Instustriearbeiterschaft
der AEG nicht in alle Winde zerstreut und aus Berlin vertrieben.
Man kann doch wirklich in diesem Zusammenhang davon
reden, daß von den Arbeitskräften dann Chancen woanders
gesucht werden; die Abwanderung von Berlinern würde beschleunigt.
Dieser Senat sollte in Zusammenarbeit mit der qualifizierten
Belegschaft ein Programm zur Erhaltung und Veränderung von
Arbeitsplätzen in Berlin einleiten. Solch eine Politik verlangt aber
mehr als das Einsetzen einer Senatsarbeitsgruppe begleitend zum
Vergleichsverfahren von AEG und das Starren auf den Vergleichsverwalter,
daß er hoffentlich über die Vergleichsversammlung hinauskommt
und den Konkurs abwenden kann. Das verlangt eben,
daß man über die Vergabe einer Bürgschaft hinauskommt. Solch
ein Konzept verlangt die aktive, praktische Zusammenarbeit des
Senats, der Exekutive und der Verwaltungen mit Ingenieuren, mit
Technikern, mit Marketingfachleuten, um zu einer Produktpalette zu
kommen, die in absehbarer Zeit die Kosten der Produktion deckt.
[Beifall bei der AL]
Da zu solchen weitergehenden Schritten beim Senat keine Bereitschaft
besteht, würde es die Alternative Liste als verständlich emp- i|
finden, wenn die Belegschaft aus eigener Kraft versuchte, die Betriebe
zu übernehmen, um Handlungsvollzug zu erzwingen.
[Beifall bei der AI]
Solch ein Schritt ist vorläufig nicht zu erwarten, da die Diskussion in
der Belegschaft nicht gelaufen ist und letztlich - das muß auch an
die Adresse von Herrn Wagner dazu gesagt werden - auch die
IG Metall für solch eine Diskussion in der Belegschaft zu wenig
Gelegenheit geboten hat.
Wenn der CDU-Senat in der Antwort auf die SPD-Anfrage zu den
Arbeitsplätzen insgesamt in Berlin lapidar schreibt, daß die Zahl der
beabsichtigten Entlassungen - er greift das Beispiel der Deutschen
Vergaser-Gesellschaft heraus - reduziert werden konnte, weil der
Betriebsrat - so wörtlich in der Antwort des Senats - beachtliche
Vorschläge gemacht habe, muß man sich fragen, was dabei passiert
ist. Wir dürfen uns nichts vormachen: Ohne konkrete Kampfmaßnahmen
im Betrieb der Deutschen Vergaser-Gesellschaft
wären diese Vorschläge im Papierkorb der Geschäftsleitung gelandet.
[Beifall bei der AL]
Auch die Tatsache, daß der Betriebsrat die geretteten Arbeitsplätze
in der vollzogenen Vereinbarung zum Teil bitter erkaufen mußte,
indem er nämlich zustimmen mußte, weil die Betriebsmittel so
wahnsinnig teuer sind, daß es Schichtarbeit im Betrieb gibt, muß
man sehen. Der Betriebsrat hat also Zugeständnisse wesentlicher
Art zu Lasten der Gesundheit der dort Beschäftigten machen müssen.
Man erkennt, welche Regelungen bei aktiver Beteiligung der
Belegschaftsmitglieder möglich sind.
Im Prinzip verbitten sich die Gewerkschaften zu Recht die Einmischung
der Parteien. Dies entbindet sie jedoch nicht von der
Feststellung, daß auch das Verhalten der Gewerkschaftsmitglieder
im Aufsichtsrat der AEG etwa in bezug auf die Betriebsrenten der
Beschäftigten zu einem erheblichen Vertrauensschwund in der Belegschaft
geführt hat ein Vertrauensschwund, den sich die Gewerkschaften
gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit und dieser
Krise wohl nicht leisten können. Im Gegenteil: Die Politik des AEG-Konzerns
macht ganz augenscheinlich deutlich, daß wir eine Ausweitung
der Kontrollrechte der Belegschaft brauchen, und zwar um
einiges über die existierenden gesetzlichen Regelungen z.B. des
Betriebsverfassungsgesetzes hinaus.
[Beifall des Abg. Momper (SPD)]
Es geht in der Debatte um die AEG-Krise und um die steigende
Arbeitslosigkeit nicht nur um wirtschaftliche Fragen, sondern es
geht in dieser Debatte schlechthin auch um die Leistungsfähigkeit
des Wirtschaftssystems „soziale Markwirtschaft“.
[Beifall bei der AL]
Dabei sollten wir uns im klaren sein, daß dieses System der sozialen
Marktwirtschaft Veränderungsprozesse braucht, um die Arbeitslosigkeit
im Prinzip zu beseitigen und letztlich jedem Menschen, insbesondere
aber der jungen Generation, einen Einstieg in den Arbeitsprozeß
überhaupt zu ermöglichen.
Steigende Arbeitslosenzahlen haben in Deutschland historisch
immer das Potential für rechtsradikale Lösungskonzepte geboten,
[Vetter (F.D.P.); Überhaupt für Radikale!]
sie haben in dieser Richtung rechtsradikale Lösungskonzepte
populistisch verstärkt, und sie sind heute ein Faktor, den wir bereits
in dieser Stadt wahrnehmen, der sich im Thema „Ausländerfeindlichkeit“
niederschlägt. Wer die Debatte unter den Beschäftigten
bei der AEG kennt, muß das leider dort auch feststellen.
Gerade in den betroffenen AEG-Betriebsteilen gibt es eine große
Zahl von Arbeitnehmern über 45 Jahre, für die es auf unserem
freien Arbeitsmarkt praktisch keine Chance mehr gibt. Ein borniertes
Festhalten an privatwirtschaftlich orientierten Lösungskonzepten,
wie es die F.D.P. mit der Unterstützung der CDU offen betreibt,
die allesamt versagt haben, kann von diesen Arbeitnehmern nur als
Arroganz verstanden werden. Der CDU- und F.D.P.-Antrag ist Ausdruck
dieser Arroganz, denn darin heißt es klipp und klar: „Das
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