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Überraschungen

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

scheinen unvereinbar mit einer niedrigen Lebensauffassung. 
Das ist durchaus nicht der Fall. Ich habe während meiner 
langen Gefängnisarbeit besonders unter den armen Dirnen 
wahrhaft köstliche Begabungen gefunden; einige Gedichte am 
Schlusse dieses Büchleins geben Proben. Aber die schönste 
Aberraschung war mir doch das Hervorkommen reiner Sittlich- 
keit unter tief eingewurzeltem unsittlichen Lebenswandel. So 
als eine zu langer Zuchthausstrafe Verurteilte im Gefängnis 
Mutter wurde, da bat mich eine Dirne, ob sie an diesem Kinde 
nicht Mutterstelle vertreten dürfe, um es zu einem anständigen 
Menschen zu erziehen und — fügte sie mit leiser Stimme hinzu, 
um selber durch die Erziehung dieses Kindes ein anständiger 
Mensch zu werden. 
Nietzsche im Gefängnis. 
Auf unreife Menschen kann der bezaubernde Dichter⸗ 
Philosoph wie berauschendes Getränk wirken; so ein bißchen 
Abermensch sich zu dünken tut manchem jungen Gefangenen 
wohl, wenigstens „Mensch“ will er sein, und auf einen riesigen 
Gedankenschnitzer kommt es dabei nicht an. Als „Mensch“ will 
er „frei“ sein, die Schranken des Hergebrachten erkennt er 
nicht an, die Gesetze verachtet er, den Unterschied zwischen gut 
und böse verachtet er, denn er ist „jenseits von gut und böse“. 
Also lebt er darauf los, nimmt sich keine Lumperei, keinen Ver— 
trauensmißbrauch übel, er ist eben ein freier Mensch. Anderer—⸗ 
seits — und nun kommt der riesige Gedankenfehler — ist er 
so, wie er sein muß, aus seinen Verhältnissen mit Naturnot⸗ 
wendigkeit erwachsen, also Unfrei. Deshalb erkennt er keine 
Schul d an, was er auch immer verbrochen hat, Schuld hat er 
nie. Fällt in ein so verwirrtes Gemüt nun die kommunistische 
Lehre, so ist der kommunistische Tatenmensch fertig, der sich zu 
jeder Untat berechtigt hält. Als Beleg diene folgender Auszug 
aus einem Briefe an eine Gefangene: „Es ist unsinnig, über— 
haupt von Schuld zu sprechen, ich denke gar nicht daran, Dir 
eine Schuld beizumessen; wenn wir von Schuld reden wollen, 
dann lehnen wir uns am Althergebrachten mit dem üblichen 
Gut‘ und ‚Böse‘ an. — Unrecht'‘ geschieht uns alle Tage, 
—9—* *
	        
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