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Wie ich eine Lehre empfing

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

ernste Lebensauffassung. Eines Tages brachte sie mir voller 
Freude und ergriffen folgendes Gedicht aus einer Sonntags⸗ 
zeitung, das ich habe vervielfältigen müssen; denn jeder und 
jede, im Gefängnis und außerhalb, der oder die es hörte, wollte 
eine Abschrift haben. Es ist mir selbst zu einer heiligen Lehre 
geworden und heißt: 
Eine Kunst. 
Von ferne stehn, wenn die andern sich freu'n, 
And doch zufrieden und fröhlich sein, — 
Selbst mühsam wandelnd auf dornigem Pfad, 
Dem Nächsten dienen mit selbstloser Tat, 
Im Schatten leben, der Sonne fern, — 
AUnd doch den andern leuchten als Stern: 
Das ist eine Kunst, die nur der versteht, 
Dem Himmelsluft durch die Seele weht. 
Im tiefsten Tale des Leides gehn, 
And doch noch um Glück für andre fleh'n, — 
Voll Treue erfüllen die heiligsten Pflichten, 
Und gern auf eigene Wünsche verzichten, — 
Ein heimliches Kleinod im Herzen tragen, 
Aber, weil Gott es will, ihm entsagen: 
Das ist eine Kunst, die nur der versteht, 
Der täglich die Kraft sich von oben erfleht. 
Selbst unverstanden durchs Leben gehn, 
Doch liebreich bestrebt sein, den Freund zu verstehn, — 
Wenn bittre Gedanken im Herzen aufsteigen, 
Sich tapfer bemüh'n, sie niemand zu zeigen, 
Viel AUngerechtigkeit sehen auf Erden, 
And doch im Glauben nicht irre werden, 
Die Kunst zu üben täglich aufs neue: 
Dazu gib, Herr, mir viel Kraft und viel Treue! 
— 
Überraschungen. 
Es besteht wohl ein allgemeines Vorurteil gegen sittlich 
Verirrte, daß die holden Gaben der Musen ihnen vorenthalten 
wären. Musikalisches Talent und dichterische Begabung
	        
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