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Kleinigkeiten Die griechischen Jungen ; Der chinesische Junge

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

Mein Gottesdienst. 
Hiermit habe ich den Grundton angegeben, der durch meine 
Gefängnisgottesdienste geht. Ich stelle mich nicht über die 
Gefangenen, sondern mitten unter sie und spreche als Mensch 
zu Menschen. Dogmatisches oder Kirchenlehre bleibt ganz un⸗ 
berührt, aus dem Leben für das Leben, und immer heißt es: 
„Die gütige Liebe führet dich zu Gott!“ (1. Joh. 4, 16.) Lerne 
glauben an dich, an deine innerste Wesenheit, die, trotz aller 
Sünde, gütige Liebe ist — so lernst du glauben an Gott! Habe 
nur einen Menschen recht lieb, so verzweifelst du nicht an der 
Menschheit und nicht an dir selbst! Die Predigt oder Rede 
unterbreche ich stets durch gesungene Gesangbuchworte, denn die 
Zuhörer können meistens nicht zwanzig Minuten zuhören, ohne 
zerstreut zu werden. Die dazwischen gesungenen Verse frischen 
sie dann wieder auf. 
—— 
Kleinigkeiten. 
Die griechischen Jungen. 
Sie waren mit einem Händler nach Berlin gekommen, 
waren ihm durchgegangen und von der Polizei in Schutzhaft ge— 
nommen. Nun sollten sie Namen und Herkunft sagen, konnten 
aber kein Deutsch, und kein Beamter konnte Griechisch. Da ward 
ich als Retter geholt, nahm mein Griechisch zusammen und holte 
das Nötige aus den Jungen heraus. Der eine hieß Onokreitos. 
Sie wurden dem griechischen Konsulat zur Heimbeförderung 
übergeben. 
Der chinesische Junge. 
Mit dem neueröffneten Bahnzuge von China über Sibirien 
nach Europa hatte sich als blinder Passagier ein kleiner Chinese 
nach Berlin verirrt. Auch ihn brachte ich auf die chinesische Ge— 
sandtschaft, wo er gut aufgenommen wurde. 
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