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Pharisaismus vieler Angehörigen

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

ziehen. Machen Sie, wenn er entlassen ist, was Ihnen gut⸗ 
dünkt.“ Das ist hart und — bequem zugleich. Es ist freilich 
bitter, wenn Eltern, die sonst mit ihrem begabten Sohne ge— 
prahlt haben — und wie viele begabte Jungen entgleisen gerade 
wegen ihrer Begabung — nun sich vor den Leuten verstecken und 
den Fragern ängstlich aus dem Wege gehen müssen. Ebenso 
häufig aber begegnet man weichlicher Liebe, die dem 
Sohn und der Tochter alles vergibt und durch ihre Weichlichkeit, 
die sich leichtsinnig auf des Heilandes Beispiel beruft, dem 
jungen Menschen keine Förderung auf dem Wege zum sitt— 
lichen Fortschritt bieten kann. 
Die Beamtenfamilie. 
Das Gefängnis bildet leider keine eigene Gemeinde, son⸗ 
dern ist in einer benachbarten Gemeinde eingepfarrt. So entfallen 
alle Amtshandlungen an den Familien der Beamten und damit 
ein starkes Mittel, ihnen persönlich näherzukommen. Dennoch 
wachsen die Beamten, je länger je mehr, zu einer Familie zu— 
sammen, die Freude und Leid miteinander trägt, und deren 
Pastor im Laufe langer Jahre doch der gegebene Seelsorger und 
Berater in vielen Fällen wird. Nur muß er nicht immer in 
steifer Würde umhergehen, sondern einen natürlichen und, wo es 
angebracht ist, auch einen scherzhaften Ton anzuschlagen wissen. 
Das bringt einander näher. Mit vielen Beamten und Beam— 
tinnen verbindet mich herzliche Freundschaft, und nicht selten 
muß ich über schwere Rätselfragen des Lebens, so gut ich kann, 
Aufklärung geben. So sind meine Tage im Gefängnis im Laufe 
—D 
genug der grimmigste Lebensernst erschütternd dazwischentrat, 
und ich danke meinem Gott, daß er mich, als ich noch rüstigen 
Alters war, in dieses schönste Amt eingeführt hat. Ein Ge—⸗ 
fängnispastor darf nicht als junger Mann in sein Amt kommen, 
dafür sind die Versuchungen zu viel und zu groß, er muß gereift 
sein durch andere Stellungen, womöglich in glücklichen Familien— 
verhältnissen leben und — etwas gut bei Kasse sein. Denn an 
seine Wohltätigkeit werden täglich Ansprüche gemacht. Meine 
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