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Das Blumenmedium Frau R.

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

kommt, aber das Medium ist schlecht bei Kräften, die me— 
diumistische Fähigkeit ist nur schwach oder versagt gänzlich, die 
Teilnehmer gehen unzufrieden und mißtrauisch auseinander, 
der Unternehmer kommt nicht auf seine Kosten. Wie nahe nun 
die Versuchung, der mediumistischen Kraft nachzuhelfen durch 
allerlei Kunststücke, und der Betrug ist fertig. Ein solches Me— 
dium war das Blumenmedium Frau R. Für ihre echte mediu— 
mistische Kraft liegen sehr gute Beglaubigungen vor, dennoch ist 
sie als zweifellose Betrügerin entlarvt. 
In meiner Schulzeit genoß ich auf dem Hamburger Jo— 
hanneum den lebendigen und eindrucksvollen Unterricht eines 
Professors S., er war ein überzeugter Spiritist, nach seiner 
Außerdienststellung übersiedelte er nach Berlin, und wir kamen 
in Verkehr. Durch ihn veranlaßt, besuchte ich eine Sitzung des 
Blumenmediums. Ich sicherte mir einen guten Beobachtungs⸗ 
platz und bemerkte, wie das Medium in auffallender Weise an 
ihrem langherabhängenden Kleide herumstrich, auch lagen Blu— 
menteile an ihrem Kleide. Plötzlich erhob sie sich und streckte mit 
starrem Blicke beide Hände vor sich in die Luft. Anwillkürlich 
folgten die Blicke aller Anwesenden dieser Bewegung, und dann 
flogen einige Blumen von links ihr in die Hände. Erst später 
begriff ich das Kunststück, aber angeekelt verließ ich den Raum, 
weil es augenscheinlich auf eine Verkuppelung zwischen einer 
anwesenden Dame und einem jungen Manne abgesehen war, 
deren Hände das Medium, wie von geisterhaftem Drange ge— 
trieben, ineinanderlegte. Später wurde mir das Kunststüch klar. 
Die Betrügerin hatte die Blumen und andere Kleinigkeiten unter 
ihrem Kleide und zog sie mit dem linken, natürlich nackten, Fuß 
hervor. Dazu mußte sie aufstehen, sich gegen den Tisch lehnen, 
um den Halt nicht zu verlieren; denn sie stand ja nur auf dem 
rechten Fuß. Dann gab sie mit dem linken Fuß mit einem Ruck, 
der ihren Körper sichtbar erschütterte, die Blumen auf ihre Luft⸗ 
bahn und fing sie, wenn es glückte, mit ihren vorgestreckten 
Händen; wenn es nicht glückte, fielen die Blumen eben auf den 
Tisch. Nach ihrer Entlarvung kam die R. also ins Gefängnis. 
Alles dies vermochte den Professor S. nicht von seinem Wahn⸗ 
glauben an die R. zu heilen; wer nicht sehen will, der sieht auch 
nichts. 
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