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Der ungetreue Bankbeamte

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

achtung“ unterzeichnet. Solche Fälle entschädigen für viele 
Fehlschläge! 
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Der ungetreue Gefaͤngniskassenbeamte. 
Ein Gefangener war gestorben, Angehörige konnten nicht 
ermittelt werden; solche „herrenlose“ Leichen werden der Polizei 
übergeben zur Bestattung oder zur Verfügung der Anatomie. 
Die Hinterlassenschaft bestand außer den einfachen Kleidungs— 
stücken vornehmlich in einer anscheinend goldenen Taschenuhr mit 
Kette. Wertsachen werden den Gefangenen bei ihrer Ein— 
lieferung abgenommen und von der Kasse bis zu ihrer Entlassung 
verwahrt. Tage vergingen, niemand meldete sich, die Ahr des 
Toten abzuholen; sie sah doch sehr schön aus und stach mächtig 
in die Augen. Der mit der Aufbewahrung der Wertsachen be— 
traute Kassenbeamte nimmt sie in die Hand, das Ahrwerk scheint 
tadellos, es tickt verführerisch; niemand außer ihm weiß etwas 
von ihr, niemand hat sie außer ihm gesehen; die Sache ist ganz 
gefahrlos, es wäre dumm, sie nicht zu nehmen. Die „Leute“ 
würden über solche Dummheit lachen — er steckt sie an und legt 
seine geringe silberne Uhr dafür in den Kasten. Was geschieht? 
Einige Tage darauf kommt ein Mann in die Kasse, weist sich als 
Verwandter des Toten aus und begehrt seine hinterlassenen 
Sachen. Die silberne Uhr und das übrige wird ihm ausge— 
händigt, er besieht die Uhr und sagt: „Das stimmt nicht, mein 
Vetter hatte eine goldene.“ Er sieht auf und ruft: „Sie haben 
sie ja angesteckt! Ich kenne die Kette!“ Die Anzeige erfolgt, 
der ungetreue Beamte wird verhaftet und zu sechs Monaten ver— 
urteilt. Aus sicherer Lebensstellung herausgerissen, mit Frau 
und Kind ins Elend gestürzt! 
Als ich den Vorgesetzten des Unglücklichen, den alten biedern 
Rendanten W. fragte, wie so etwas möglich sei, wie ein Be— 
amter, der das Elend der Verbrecher tagtäglich vor Augen habe, 
sich so vergessen könne, antwortete er: „Die Gier — die Gier.“ 
Freilich die Gier!, sie ist ein besinnungsloser Wahnsinn. Und 
wer sie nicht beherrschen lernt, ist verloren. 
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