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Eine Vatermörderin

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

habe in einem Anfall von wütendem Freiheitsdrang, um sich 
und die Mutter von schrecklichem Druck zu befreien, den auf 
seinem Bett trunken liegenden Vater mit dem Beil erschlagen. 
Auch stellte sie die Tat anfangs so dar, als ob sie bewußtlos ge⸗ 
handelt habe. Dagegen sprach freilich, daß sie nach der Tat zu 
einer Tante ging und überhaupt den Eindruck erwecken wollte, 
als wäre ein anderer der Mörder. Aber auch sie selbst verriet 
sich. Ihre Zellennachbarin, die noch nichts von der Tat gelesen 
oder gehört hatte, berichtete der Aufseherin: Ihre Nachbarin habe 
in der Nacht mehrmals laut geschrien und dann gerufen: „Gott 
sei Dank, ich habe das A—s totgeschlagen und totgestochen, nun 
können wir heiraten!“ Denn die Anselige war ja verlobt, und 
es fehlte an Einrichtungsmöbeln, die der Vater nicht hergeben 
wollte, weil sie ihm selber unentbehrlich waren. Zu ihrer im 
Krankenhause liegenden Mutter wollte sie große Liebe haben 
und konnte auch etwas weinen, weil sie des „Muttchens“ fünf⸗ 
zigsten Geburtstag nicht feiern könne. Als sie die Todesnachricht 
ihrer im Krankenhause verstorbenen Mutter empfing, zeigte sie 
nicht die von uns erwartete große Betrübnis. Zu einer Ver—⸗ 
urteilung kam es nicht. 
Blind ist die Liebe. 
1. Der Lehrer und seine Liebe. 
Sie war ein sehr leichtsinniges, verkommenes junges 
Mädchen; er, ein Gemeindeschullehrer in Amt und Würden, 
schrieb ihr die rührendsten Liebesbriefe. Wenn er seine „Lang— 
bezopften“, wie er sich ausdrückte, d. h. zehn- bis zwölfjährige 
Mädelchens in der Klasse vor sich sah, dann schwebte ihm ihr 
Bild vor; kam das Wort „Gefängnis“ im Lesestück vor, schlug 
er seine Hände vor sein Gesicht, um seine Tränen zu verbergen, 
und seine Schülerinnen blickten ihn verwundert an. Derartiges 
schrieb er ihr, und sie entblödete sich im Gefängnis nicht, einem 
Strafgefangenen, der eine Ausbesserung im Frauenhause zu be⸗— 
sorgen hatte, Liebeszettel zuzustecen. Von mir zur Rede ge— 
stellt, wie sie solches tun möge, da sie doch einen so treuen Freund 
habe, gab sie mir eine derart niedrige Antwort, daß ich — gegen
	        
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