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Noch eine Gattenmörderin

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

sitzend, während er vertraulich den Arm um sie legte, leise den 
Revolver gezogen und ihm eine Kugel unterm Kinn durch den 
Kopf geschossen. So erzählte sie unbefangen selbst und schien 
nicht viel darin zu finden. „Ich war seiner überdrüssig.“ Wir 
erwarteten ein Todesurteil — und es erfolgten vier Jahre Ge— 
fängnis! 
Der Vatermörder. 
Ein junger, frischer, harmlos aussehender Bursch von etwa 
19 Jahren war eingeliefert unter der furchtbaren Anklage des 
Vatermordes. Er erzählte: „Ich bin aus einer wohlhabenden 
Schlächterfamilie aus H. Mein Vater und ich fuhren oft über 
Land zum Vieheinkaufen; da wir oft viel Geld bei uns haͤtten, 
trug ich zur Verteidigung gegen Räuber immer einen geladenen 
Revolver bei mir. Mein Vater hat meine Mutter oft miß- 
handelt; wir hatten nebenan eine Gastwirtschaft mit leicht⸗ 
sinnigen Mädchen, wo mein Vater oft verkehrte. Neulich fuhr 
ich allein über Land, und als ich abends nach Hause kam, fand ich 
meinen Vater nicht. Ich ging daher in die Wirtschaft, ihn zu 
suchen. Der Wirt wollte mich am Eingang nicht hineinlassen, 
da kam plötzlich mein Vater heraus und schlug mit den Fäusten 
auf mich ein. Ich zog den Revolver, um meinen Vater zu 
schrecken, aber der Schuß ging los. Mein Vater taumelte zurück, 
und ich lief erschrocken an die Bahn und fuhr nach Berlin. Daß 
mein Vater tot ist, habe ich erst in den Zeitungen gelesen.“ Der 
junge Mann machte einen ruhigen und ordentlichen Eindruck. 
Er wurde bald nach seiner Vaterstadt abgeschoben; das Arteil 
hat ihn seine blühende Jugend gekostet. Aber wer trägt in 
diesem traurigen Fall die Schuld? 
Eine Vatermörderin. 
Ein schönes junges Mädchen war als Vatermörderin ein⸗ 
geliefert. Der Vater, ein roher Mensch und Gewohnheits- 
trinker, muß allerdings Frau und Tochter furchtbar mißhandelt 
haben. Eine mildere Auffassung konnte nur meinen, die Tochter 
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