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Zwei Mörderinnen

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

zu denken schien. Und — wer kennt das Menschenherz aus — 
als die Nachricht — kurz vor ihrem Tode — kam, daß ihr grau— 
samer Peiniger und Lebensverderber Thomas gefallen sei — 
da freute sie sich ehrlich auf ihren baldigen Tod, weil sie dann 
wieder mit ihm vereinigt wäre!! Denn sie hatte ihn trotz alle— 
dem lieb. Die beschränkte D. hielt sich im Grunde für un— 
schuldig, glaubte aber auch nicht recht an eine Begnadigung. Die 
Wartezeit war lang und peinlich, alle Beteiligten litten dar— 
unter und wurden nervös, zumal als verlautete, die Hinrichtung 
solle auf dem Hofe des Frauenhauses stattfinden. Glücklicher⸗ 
weise ließ man diesen Plan fallen und nahm wie üblich Plötzen⸗ 
see. Endlich kam der erwartete Brief — niemand konnte es 
fassen. Die X. bestätigt, die D. zum lebenslänglichen 
Zuchthaus begnadigt! Seit einem Menschenalter war keine 
weibliche Hinrichtung in Berlin gewesen, man hatte sich wohl 
gegraut, nun zwei Frauen auf einmal hinrichten zu lassen. Bei 
der Eröffnung fiel die X. in eine zwanzig Minuten währende 
Ohnmacht, ein Arzt brachte sie wieder zum Bewußtsein, und nun 
blieb sie gefaßt bis zuletzt. Die Ereignisse der Nacht vor dem 
Tode übergehe ich, zumal ich nicht zugegen war. Sie veran⸗ 
laßte den begleitenden Geistlichen, noch ihrem Bruder zu 
schreiben und ihn vor einem schlechten Lebenswandel zu warnen. 
Die D. wollte es anfangs nicht glauben, daß sie begnadigt 
sei; dann aber fing sie an, sich sehr zu freuen, sie wurde bald dem 
Zuchthaus zugeführt. 
Muhme und Neffe als Mörderpaar. 
In Süddeutschland lebte ein Priester, mit tüchtigen Geistes— 
gaben gesegnet, aber sittlich wenig für seinen Stand geeignet. 
Er mußte den Stand eines katholischen Geistlichen aufgeben, 
bestand die nötigen Prüfungen und wurde Gymnasialoberlehrer. 
Als solcher ging er für einige Jahre als Hauslehrer nach England 
und wurde schließlich an einem Berliner Gymnasium angestellt. 
Nun verheiratete er sich mit der Tochter eines Gemeindeschul⸗ 
lehrers, und dieser Ehe entsprossen ein Knabe und ein Mädchen. 
Aber die Ehe war unglücklich; denn in dem Manne lebte ein un— 
gebändigter sinnlicher Trieb; wie seine Frau sagte: „Die im
	        
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