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Der königliche Prinz

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

denn vor dem Umsturz konnten Mitglieder regierender Häuser 
nicht ins Gefängnis kommen. Ich konnte mich mit dem Prinzen 
über vielerlei unterhalten; aber leicht glitt das Gespräch in sein 
Lieblingsgebiet, in seinen Haß gegen das Judentum. Die un— 
seligen Juden waren nach seiner Meinung so ziemlich an allen 
Abeln in der Welt schuldig, auch am unglücklichen Ausgange 
des Weltkrieges. Deutschland, die Freimaurer, die Welt, sie 
werden unwissend von Juden beherrscht. Dies war die Stelle, 
wo bei dem Prinzen die Vernunft aussetzte. Eines Tages 
begrüßte er mich fröhlich: „Ich bin Vater eines Kalbes ge— 
worden!“ Ich erschrak und dachte auf geordneten Rückzug. 
Aber er klärte mich auf: Seine Kuh auf seinem Salzburger 
Landgütchen hatte gekalbt. Vor seiner Zellentür saß einst 
ein mir unbekannter Herr. Auf Befragen erklärte dieser, er sei 
der Begleiter der Dame, der Prinzessin X., die bei dem Prinzen 
Besuch mache. Ich trat ein, die Prinzeß saß auf dem einzigen 
vorhandenen Stuhl, der Prinz auf einer Art Küchenbock, und 
ich durfte mich auf des Prinzen Bett setzen. So unterhielten 
wir uns lebhaft, bis mich der starke Zigarettenrauch beider 
Fürstlichkeiten an den Rückzug mahnte. Vor seiner Ent— 
lassung verehrte mir der Prinz mit eigenhändiger Widmung 
„Jur freundlichen Erinnerung an Frühjahr 1920 in Moabit“ 
das Buch, betitelt: Die Geheimnisse der Weisen von Zion. Es 
ist den Fürsten Europas gewidmet. Das Buch ist Wahrheit 
und Dichtung; es ist den Fürsten Europas zu wünschen, daß 
sie genug Scharfsinn besitzen, beides unterscheiden zu können. 
Der Dreschgraf. 
Eine gröbere Abart der Judenfeindschaft bot sich mir dar 
im Grafen X., der ziemlich lange bei uns weilte. Er empfing 
mich bei meinem ersten Besuch mit der seltsamen Frage: 
„Gehören Sie zur Brautgemeinde?“ Gemeint sind die 
144 000 Erlösten oder Auserwählten aus der Offenbarung 
Johannis. Wenn ungeschulte Vernunft an die Offenbarung 
Johannis gerät, kommt sie leicht auf Irrwege. So war auch der 
gute Graf verwirrt geworden, hielt sich für ein auserwähltes 
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