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Anhang Anhang 1. Poesien von Gefangenen

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

Mein Lied. 
Geiger, setz' den Bogen an, 
Spiel' meine Melodie! 
Spiele von der Menschheit Wahn, 
Von ihrer Not und Müh'. 
Leih' dem Schmerze deine Saiten, 
Laß die Reue klagen 
Und die Sehnsucht Flügel breiten — 
Den Haß durch deine Geige jagen! 
Alle Pein der Erdenwesen 
Und des Irrsinns gelles Lachen, 
Alles was an Schlechtem, Bösen 
Je entquoll dem Höllenrachen! 
Todeswunder Herzen Stöhnen 
Muß aus deiner Geige klingen, 
And es soll mein Lied ertönen, 
Bis die letzten Saiten springen. 
Ich bin noch da! 
Ein alter Kummer kommt mit schweren Schritten, 
Ich wollte gerad' im Schlafe untergeh'n, 
Aus fernen Zeiten an mein Bett geschritten, 
Um brennend mir ins müde Aug' zu sehn. 
Die kalten Hände legt er auf die meinen, 
Dumpf drohend murmelnd meinem Ohre nah: 
„Du hast vergessen über mich zu weinen, 
„Du darfst nicht schlafen, du, ich bin noch da!“ 
Und noch durch meines Schlafes dünne Wände 
Fühl' ich mit Bangen etwas, das mir nah. 
In meine Träume tasten kalte Hände, 
„Du darfst nicht schlafen! Du! Ich bin noch dal“ 
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