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Eine unter vielen

Full text: Erlebnisse aus einem Vierteljahrhundert im Untersuchungsgefängnis von Berlin / Diestel, Ernst (Public Domain)

nennbare Sehnsucht im Herzen nach einem unbestimmten 
Etwas. Ja, und dieses „Morgen“ brachte mir dann die Er— 
lösung. — Was mit mir geschah, vermag ich nicht zu sagen, 
nur bin ich innerlich frei geworden von etwas Ansichtbarem. 
Ach, ich glaubte ja immer, ich ginge meinen eigenen, selbst— 
gewählten Weg; nein, nur das Böse leitete mich; aus einer 
bösen Tat wuchs eine andere, schlimmere. Meine Strafe hat 
mich zur Erkenntnis meines besseren „Ich“ gebracht; ja, noch 
viel mehr habe ich diesem Hause zu verdanken. Gefestigt, als 
ein fertiger Mensch verlasse ich dieses Haus; sollte ich dafür 
nicht dankbar sein? Voll Vertrauen blicke ich in die Zukunft, 
und mit Gottes Hilfe wird mir ein neues Leben gelingen. 
„Ist Ihre Arbeit schwer?“ 
Wie oft bin ich aus teilnehmendem Herzen so gefragt 
worden. Das viele Treppensteigen ist freilich für einen Fünf— 
undsechzigjährigen schon etwas „schwer“, aber die Arbeit selbst 
ist nie schwer, wenn man im Menschen immer den Menschen 
sieht, und sich selbst als Menschen kennt. Kommt sich der 
Pfarrer als ein besserer Mensch vor, und dafür haben die Ge— 
fangenen ein feines Gefühl — so verschließen sich leicht die 
Herzen. Zeigt er aber Verständnis für die Versuchungen des 
Lebens, ehrliches Mitgefühl, unterläßt er unangebrachtes 
Schelten, zeigt er neue Lebenswege, stellt er sich ehrlich auf 
Gleich mit den Gefangenen, dann ist seine Arbeit nie „schwer“, 
sondern stets voll heiliger Freude, auch wenn er von 
Erfolgen selten etwas gewahr wird. Es ist ja ein fortgesetzter 
geistiger Ringkampf, Niedergebrochene aufzurichten, Hoffnung 
den Hoffnungslosen zu bringen. Mit religiösen Sprüchen und 
Worten bin ich sparsam, manchmal bittet ein Gefangener unter 
vier Augen darum. Mit ehrlich Zweifelnden habe ich mich stets 
gern unterhalten und sie auf den Weg gewiesen, den ich selber 
zu gehen mich bemühte, nämlich „in der Liebe bleiben“. Denn 
„wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ 
(1. Joh. 4, 16.) 
Pinis. 
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