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II. Die Bibliotheken des Königs

Full text: Friedrich der Grosse und seine Bücher / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Preußen! habe am 3. März 1810 diese Predigten aus der Bibliothek mitgenommen. Leichenpredigten von Bourdaloue 
zibt es nicht. Während der Bossuet nicht wieder zurückgegeben wurde, haben sich die Contes der Margarethe von 
Halois, kulturgeschichtlich sehr interessante Novellen im Stile des Boccaccio, wieder eingefunden. Der Band trägt jetzt 
von der Hand des Prinzen Wilhelm den Vermerk: „De la bibliothèque royale de Palais de Breslau.“ Auch die 
Pucelle von Voltaire fehlt nicht mehr. Die Breslauer Bibliothek steht in drei graugrün gestrichenen, mit vergoldeten 
Leisten und Figuren und muschelförmigem Aufsatz verzierten Schränken im untersten Stockwerk des Schlosses in dem 
in den Jahren 1750 bis 1755 erbauten Teil; eine Tür führt aus ihr auf die Rampe, die die Hauptzufahrt bildet. 
Daß auch im Berliner Schlosse eine Bibliothek vorhanden war, mußte man annehmen. Erhalten hatte sie 
sich nicht. Denn Friedrich Wilhelm II. hat sie in seine eigene Büchersammlung aufgehen lassen, aus der sie, soweit das 
möglich war, von mir wiederhergestellt wurde. Die Handhabe dafür bot das Signum, ein lateinisch geschriebenes B mit 
Blättchenverzierung. Alle so gekennzeichneten Bücher sind der Bibliothek Friedrich Wilhelms II. wieder entnommen — 
es sind 200 Bände — und in einem besonderen Schrank aufgestellt. Er steht ebenso wie die Bücherei Friedrich 
Wilhelms II. jetzt im Schinkelschen Pavillon im Charlottenburger Schloßpark, den sich Friedrich Wilhelm III. nach 
einer Wiederverheiratung hatte bauen lassen und der jetzt die älteren Bestände der im Berliner Schlosse befindlichen 
Usniglichen Hausbibliothek beherbergt. Ihr ursprünglicher Standort war das Arbeitszimmer des Königs, das er sich 
in derselben runden Form hatte herstellen lassen, wie er es in Rheinsberg gehabt hatte. Es gehört zu den Simmern 
im ersten Stock, die sich an die alte Kapelle an der Spreeseite in der Richtung auf den Schloßplatz anschließen 
und dann der Flucht dieses bis zum Portal II folgen. Später war es das Arbeitszimmer der Königin Elisabeth, 
der Gemahlin Friedrich Wilhelms IV.; heute dient es als Schlafzimmer im Anschluß an die frühere Wohnung dieses 
Usönigs. Ob schon bei der Neueinrichtung dieser Wohnung für König Friedrich im Jahre 17462 eine Bibliothek auf— 
gestellt wurde, läßt sich nicht sagen. In den Schatullrechnungen findet sich der erste Hinweis auf eine Bibliothek im 
Berliner Schlosse erst in einer Buchhändlerrechnung über Cieferungen vom 9. September 1769 bis 20. Mai 1770. 
Von den 40 in dieser Rechnung für Berlin gelieferten Werken sind jedoch nur 25, von 10 in einer späteren 
Buchbinderrechnung mit 8 bezeichneten Büchern nur 5 in der rekonstruierten Bibliothek. Wie in den anderen 
Bibliotheken können sich auch in dieser manche nicht signierte Bücher befunden haben, die jetzt nicht mehr als zu ihr 
zehörig kenntlich sind, und es sind selbst von den mit 8 gezeichneten Bänden aus der Berliner Bibliothek verschiedene 
an die große Königliche Bibliothek abgegeben worden und dort noch vorhanden. Das Besitzzeichen hat also nicht 
oermocht, sie an ihrer Stelle zu erhalten. Der König weilte in Berlin immer nur während der Karnevalszeit, die 
ihn gesellschaftlich stark in Anspruch nahm. Er wird also nicht allzuviel zum Lesen gekommen sein. Dennoch důrfen 
wir annehmen, daß die Büchersammlung, die seine geistige Nahrung auch in diesen festlichen Wochen bildete, größer 
war als die wieder zusammengestellte Bibliothek vermuten läßt. 
Einen gleich bescheidenen Umfang zeigt die Büchersammlung in Charlottenburg, so weit sie heute noch 
oorhanden ist. Früher muß sie größer gewesen sein. Denn wie die noch sichtbaren Spuren an den Wänden 
des jetzt ganz leeren Bibliothekzimmers erkennen lassen, waren darin sechs Schränke aufgestellt, die etwa 21/, Meter 
hoch und I. Meter breit waren. Es lag im ersten Stock des von Friedrich bewohnten Unobelsdorffschen Flügels 
nach dem Park, also nach Norden zu. Die Decke war von Pesne gemalt; die eine Hälfte stellte Minerva dar, die 
andere die Poesie, die mit ihrem linken Arm auf den Werken des Homer und des Horaz ruht. Die Wände waren 
zgetäfelt, grün gestrichen und mit versilberten Leisten eingefaßt. Auf 18 versilberten Konsolen über den Schränken 
standen antike Büsten aus der vom König erworbenen Sammlung des Kardinals Polignacẽ. Die frühe Ent— 
stehungszeit dieser Bibliothek ergibt sich schon aus den Erscheinungsjahren der dort vereinigten Bücher, die mit sehr 
Der Bruder Friedrich Wilhelms III. — 2 Vgl. Paul Seidel, Ein Gang durch die neue kaiserliche Wohnung im Berliner 
Schlosse. Preuß. Jahrbücher, Band LXIII. — * Eine genaue Schilderung des Raumes geben Nicolai, Beschreibung der Agl. Residenzstädte 
Berlin und Potsdam. Berlin 1779. II, 7607f. und J. D. F. Rumpf, Berlin und Potsdam. IV. Ausgabe, Berlin 1823, II. Potsdam 
und Charlottenburg, S. 235f. Danach standen 1828 noch Schränke mit Büchern in diesem Zimmer. Daß es aber Bücher Friedrichs des 
Großen waren, miöchte ich nicht aglauben.
	        
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