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I. Der König als Leser und Bücherfreund

Full text: Friedrich der Grosse und seine Bücher / Krieger, Bogdan (Public Domain)

mit Titeln: „Was muß der Gebildete vom Griechischen wissen?“ und „Was muß der Gebildete von der Elektrizität 
wissen?“ Die Kenntnisse, die sich jemand aus solchen Schriften erwirbt, sind aufgepfropfte, aber nicht genuitiv erworbene 
und daher meist wertlose. Auf die Gefahr hin, laudator temporis acti gescholten zu werden: Wir genießen — auch 
auf geistigen Gebiet — heute mehr als früher, aber wir haben weniger davon, und das Huttensche Wort: 
„O Jahrhundert! Es ist eine CLust, in dir zu leben,“ drängt sich doch nur den wenigen auf, denen eine hervor— 
ragende geistige Begabung und gewaltige Arbeitskraft die Umfassung auch des heutigen Orbis pictus gestattet, 
oder dem, der sich über die Bewertung seiner Daseinsbedingungen und Daseinswirkungen einem mehr oder weniger 
frommen Selbstbetrug überläßt. Nun gibt es noch ein Drittes. Man begnügt sich mit dem Wahrspruch „in tenui 
labor“, beschränkt sich auf die kleine Domäne seines Sondergebiets und sucht auch in dieser, zwar Sandkorn 
nur an Sandkorn reihenden Tätigkeit seine Schuld an die Ewigkeit abzutragen und als Glied der unendlichen Kette 
der Offenbarungen Gottes im Zusammenhang mit dem Weltganzen zu bleiben. 
Für Friedrich den Großen war das Fundament der geistigen Ausbildung noch ein einheitliches. Die 
Mittel dazu waren durchaus vollwertige, während die Fülle der sich uns bietenden Bildungsfaktoren leider dazu 
führt, auch mit gebrochenen Werten zu rechnen. Werden diese aber zu Faktoren unserer geistigen Bildung, so tritt 
vielmehr eine Minderung als eine Nehrung ein. Wir werden oberflächlich, und die harmonische Ausbildung 
leidet; was sie an Verallgemeinerung gewinnt, verliert sie an Verinnerlichung. Wir wollen nicht verkennen, daß 
auch Friedrich der Große für seine Bildung insofern zu Ersatzmitteln greifen mußte, als ihn die ihm mangelnde 
Uenntnis des Griechischen und Lateinischen zwang, sich die Kenntnis der alten Kultur und Geschichte durch 
französische Uebersetzungen zu vermitteln. Der Reiz der Ursprache ging ihm dadurch verloren und damit sehr viel; 
aber erstens waren die zum großen Teil von französischen Klerikern herrührenden Uebersetzungen sehr lesbar, klar und 
geschmackvoll, andererseits kam es Friedrich in erster Cinie auf die sachliche Kenntnis des Altertums an. Außer dieser 
gehörte zu den Erfordernissen allgemeiner Bildung die Bekanntschaft mit den Hauptwerken der französischen, englischen 
und italienischen Literatur, eine Uebersicht über die philosophischen Systeme des Altertums und der neueren ZSeit, die 
Uenntnis der geschichtlichen Entwicklung der historischen Welt und zur logischen Schulung des Verstandes die 
Beschäftigung mit der Geometrie und Algebra. Vielfache Aeußerungen des Königs lassen erkennen, daß ihm Geschmack 
und Neigung für die letztgenannte Art geistiger Schulung abging. Die gelegentliche Erwähnung scheinbarer algebraischer 
Formen wie a P XuU. a. zeigt uns, daß er von dieser Wissenschaft nichts verstand. Dafür spricht auch, daß nach 
Bratuschecks Buch über die Erziehung Friedrichs der jüngere Philipp Naude, Professor am Joachimstalschen Gymnasium, 
dem Prinzen eine übersichtliche Darstellung der Algebra auf einem Blatte gegeben hatt und in einem noch erhaltenen 
Unterrichtsplan für die Feit des Herbstaufenthaltes in Wusterhausen im Jahre 1725 mathematische Stunden nicht 
angesetzt sind. Am 19. Januar 1738 schreibt Friedrich der Große an Voltaire: „Was die Geomietrie angeht, so 
zestehe ich Ihnen, daß ich diese Wissenschaft fürchte; sie trocknet den Geist zu sehr aus, und unser deutscher ist schon 
trocken genug.“ Aus Ungereimtheiten, die Pascal, Newton und d'Alembert, drei so große Mathematiker, ihm zu sagen 
scheinen, will er schließen, daß die Mathematik den Verstand doch nicht so richtig denken lehrt, als man es von ihr 
behauptet. Die Beschäftigung mit ihr solle man müßigen Köpfen überlassen, die ihren Geist daran verschwenden mögen. 
Dreißig gute Verse machen dem Publikum mehr Vergnügen als die ganze Berechnung der Ephemeriden, sagt der 
KRönig in der für d'Alembert bestimmten Schrift Réflexions sur les réflexions des géomètres sur la poésie, und ohne 
Berechtigung nimmt ihn derselbe d'Alembert in seinem Briefe vom 6. März 1771 trotz des „kleinen Grolles des Rönigs 
gegen die Geometrie“ als einen Jünger dieser Wissenschaft in Anspruch, da „alle guten Köpfe, die richtig, scharf und 
klar denken, der Geometrie angehören“. Auch in dem 1748 gedichteten Custspiel L'école du monde spöttelt der 
König über die Leute, die sich mit Algebra beschäftigen, und stellt die geistesbildende Kraft dieser Wissenschaft stark in 
Frage (I, 2. III, I). 
Bratuscheck, Die Erziehung Friedrichs des Großen, Berlin 1885, 5. 30.
	        
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