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Man soll sich nicht verlieben

Full text: Galgenvögel / Hyan, Hans (Public Domain)

Er umfing ihr Gesicht mit einem festen, saugen⸗ 
den Blick seiner dunklen, im Feuer des Begehrens 
lodernden Augen. Sie sah rasch fort, als fühle 
sie sich zu eng umfangen von seinen Blicken; aber 
nach kurzer Zeit änderte sie ihre Stellung ein 
wenig, stützte den Arm auf das Plüschpolster 
der Logenbrüstung und zeigte ihr zartes Profil, 
das er, der an allen Kulturstätten der Welt, auch 
in den Museen umhergeschlendert war, mit den 
größten Kunstwerken aller Zeiten verglich. 
Zum erstenmal in seinem Leben empfand er 
etwas wie Reue. Er hatte diese Frau bestohlen! 
... sie, die er liebtel ... die schönste, die aller— 
schönste, nach der sein unruhiges, von allen Hem⸗ 
mungen freies Herz sich ploͤtzlich so leidenschaftlich 
sehnte. 
Und es schien, als wolle sie diese Flamme 
noch anfachen! Ihr Interesse am Stück war offen⸗ 
bar geschwunden. Sie blickte öfter und öfter zu 
ihm zurück und suchte die düsteren Flammen, die 
ihr aus dem Dunkel der Loge, über der großen, 
geraden Nase, dem schwarzen, vollen, seidigen 
Schnurrbart des Diebes entgegenblitzten. 
Auf der Buͤhne suchte jetzt dieser Talmiver⸗ 
brecher die Tochter des Marquis mit seinen 
Phrasen zu betören. Nicht einmal das konnte der 
Mann! Lächerlich, so spricht doch keiner, wenn 
er verliebt ist! Ach, wenn er jetzt hätte reden 
dürfen! Mort⸗de⸗ma⸗vieh... Wie Brandpfeile 
hätten seine Worte ihr ins Herz dringen sollen! 
Und er war keiner aus der Gesellschaft. In einem 
schmutzigen Hause in Ragatz hatte seine Wiege 
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