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VI. In der "Sonne"

Full text: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde / Voigt, Wilhelm (Public Domain)

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kann — der Tod meiner Mutter! Und zwar ein Ende 
unter ganz besonderen Umständen. 
Ich hatte an dem ersten Freitag im Monat März 
des Jahres 1878 mir durch Überanstrengung eine hef— 
tige Lungenentzündung zugezogen, die meine sofortige 
Überführung ins Lazarett notwendig machte; am Sonn— 
abend zeigte das Fieberthermometer bereits über 42 Grad 
Blutwärme. 
An diesem selben Sonnabend starb meine Mutter 
abends 111,3 Uhr, angeblich an einem Gehirnschlage. 
Auf die telegraphische Nachricht an meine Schwester 
in Köln eilte diese sofort an das Totenbett der Mutter, 
und eine ihrer ersten Handlungen war, mich vom Ab— 
leben der Teuren in Kenntnis zu setzen. Dieser Brief 
kam zwar in die Anstalt; der Inhalt desselben durfte 
mir auf die Anordnung des Arztes aber nicht mit— 
geteilt werden. Der Anstaltsgeistliche kam mit dem 
Brief in der Tasche an mein Krankenbett, auf welchem 
ich besinnungslos und phantasierend lag. 
Angehörige werden in solchen Fällen oder wurden 
damals jedenfalls nicht benachrichtigt. So wartete meine 
Schwester vierzehn Tage auf meine Antwort, während 
sie sich in Tilsit aufhielt, und als auch dann noch 
kein Brief von mir eintraf, reiste sie, empört über meine 
Handlungsweise, ab. 
So hatte sich ohne mein Verschulden eine Kluft 
zwischen uns aufgetan, die fünfundzwanzig Jahre nicht 
haben überbrücken können. Sie hat damals unter dem 
Eindruck gelebt, daß, wenn ich so herzlos wäre, daß 
mich selbst der Tod meiner Mutter nicht rührte, au
	        
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