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IX. Zarte Träume

Full text: Gold! / Hyan, Hans (Public Domain)

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sichtbar wurde, denselhen unschuldigen Ausdruck, durch 
den die Wachende so sehr gefie! 
Die gesenkten Lider, die mit ihren langen dunklen 
Wimpern und den auseinander flatternden Augen— 
brauen jetzt so unbeweglich ruhten, hatten nichts von 
jenen bläulichen Schatten, die der Finger der Leiden— 
schaft malt. Die Wangen blühten im Schlaf und ein 
eigentümliches, zu dem halblächelnden Munde stim— 
mendes Vibriren der feinen Nasenflügel mußte den, 
der Lucie Petersen sich so im uen Schlummer 
strecken sah, unwillkürlich erheitern. 
Lange standen die beiden Frauen am Bett des 
Mädchens, ehe sie es weckten. 
Aber das war auch garnicht so eine leichte Sache, 
denn als die Gräfin ihr sanft die hand auf die Schulter 
legte, da ruckte sie mit einem leisen Lachen und mur— 
melte etwas, das man nicht verstand. 
„Lucie!“ rief die Gräfin nun, „Lucie!“ 
„Was denn?“ fragte das Mädchen, ohne daß sich 
F gesunde Schlaf ihrer Jugend dadurch verscheuchen 
ließ. 
Da neigte sich, anfänglich zwar mit Widerstreben, 
dann aber innerlich — Maria Anna über 
Lucie und wollte sie küssen. 
Doch ehe I ihr Mund den des Mädchens be— 
rührt hatte, fuhr sie wie von unsichtbarer Hand zurück 
gerissen empor. 
„Was ... was sagt sie?“ 
Und sie beugte sich abermals über die Schlafende. 
Aber das Mädchen erwachte jetzt, und kaum hatte 
sie die Augen geöffnet und die vor ihr Stehende er— 
kannt, so ei sie wie ein Fisch im Wasser empor 
und warf aufjubelnd ihre Arme um den Hals der 
Gräfin, die diesen Zärtlichkeiterguß fast erschreckt über 
sich ergehen ließ. 
— Tante! ... Gott sei Dank, daß Du wieder 
da bist! Ich habe mich halb tot gebangt nach Dir
	        
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