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XX. Mutter und Tochter

Full text: Gold! / Hyan, Hans (Public Domain)

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mehr er sah, wie sich auf dem Gesicht der Gräfin die 
Verzweiflung malte über diese grenzenlose Enttäuschung 
ihrer höchsten Hoffnungen, um so klarer wurde er inñ 
seinen Worten und um so rübcksichtloser zerstörte er 
jeden Halm, an den sich die in ihrem Leid ertrinkende 
Seele jener Frau noch hätte klammern können. 
Er hätte nie gewagt, selbst auf die dringendste 
Aufforderung der Gräfin hin, über jene Dinge, die er 
erfahren und von denen sie nie wieder zusammen 
sprechen wollten, auch nur ein Wort zu verlieren. 
Aber für ihn selbst hing ja so ungeheuer viel davon 
ab! Er brauchte die Gräfin wol nicht erst darüber 
aufzuklären, ein wie großes Interesse er an ihrer 
Familie nähme. Und hätte er früher gewußt, was er 
jetzt ersahren habe, so hätte er längst zu der Mutter 
über seine Liebe für die Tochter gesprochen. Heute tue er 
das, obwol er im Augenblick nicht wisse, wie weit diese 
Neigung führen würde. Von der Eutscheidung seines 
Vaters, der als ein echter Edelmann sicher das Rechte 
treffen würde, sei es abhängig, ob er die Hand ihrer 
Tochter auch jetzt noch von der Gräfin erbitten dürfe. 
Aber wie immer diese Entscheidung ausfiel, das 
eine dürfe er doch sagen und fest versprechen, seiner 
Freundschaft könnten sich die Gräfin und Fräulein 
Lucie, wenn sie davon Gebrauch machen wollten, fürs 
Leben versichert halten. 
Maria Anna blieb lange schweigend, das Tuch 
an die Augen gedrückt, aus denen jetzt schwere, tief— 
schmerzliche Tropfen rannen. So schnell konnte sie 
nicht begreifen, daß sie verzichten müsse, daß ihre 
Jugend nun vorüber und daß sie als Mutter dem 
die ihres Kindes das eigene zum Opfer bringen 
olle. 
Und plötßzlich überfiel sie eine bittere, jammervolle 
Beschämung. Sie sah sich selbst bei all den Besuchen, 
die Hans von Ballenstedt ihr gemacht hatte, sie sah 
sich selbst aller weiblichen Zurückhaltung bar und von
	        
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