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Der Lustgarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

den übrigen Stadtverordneten in vorderster Reihe der Haupttreppe gegenüber. Grau 
und finster zogen die Wolken über den Festplatz. Gar bald begann es zu regnen, erst 
leise, dann immer stärker. Um 9 ÜUhr verließ der König die Gemächer des Schlosses 
und schritt, gefolgt von den Prinzen und einer großen Suite, unter dem Jubelrufe des 
Volkes und dem Geläut der Glocken über die große Treppe hinab zum Dome. Auf 
demselben Wege geschah nach dem Gottesdienst die Rückkehr in das Schloß, nur daß 
jetzt auch die vorher im Dome versammelt gewesenen Ständemitglieder, Militär und 
Staatsbeamte dem Könige folgten. Es war für die Beamten und Bürger eine harte 
Prüfung, daß sie von neun bis ein Uhr im strömenden Regen stehend dem Wieder— 
erscheinen des Königs entgegenharren mußten, während die Fürsten, Minister, Stände 
und höchsten Staatsbeamten im Weißen Saale den Eid der Treue schwuren. 
Der König, aus vielen tausend Kehlen vom Volke begrüßt, trat dicht an den Nand 
der Treppe. Der Oberbürgermeister Krausnick, einige Stufen ansteigend, hielt seine 
Anrede. In der denkwürdigen Erwiderung des Königs, in welcher er mit weichin— 
schallender Stimme die unvergessenen Worte sprach: Kein geschriebenes Blatt Papier 
soll zwischen mich und mein Volk sich stellen‘, forderte der König das ‚Ja‘ von den 
Vertretern der Stadt- und Landgemeinden. Und es wurde ihm gegeben, wohl meist 
—E 
Strömen, dumpf hallten die Glocken, und der Gesang des Chorals ‚Nun danket alle 
Gott‘ beendete die Staatsaktion. Hatte es des Königs Rede oder der Regen veran— 
laßt, daß kein Jubelruf mehr erklang und alle lautlos auseinandergingen? Voll— 
ständig durchnäßt, suchte ich meine Kleider in der Wohnung des Weinhändlers Nitze 
Ecke des Schloßplatzes zu trocknen, weil ich um 3 Uhr zur Könialichen Tafel im Schlosse 
befohlen war.“ 
Es sei im Hinblick auf die letzten Worte gestattet, auf die mißbräuchliche Anwen— 
dung des Ausdruckes „befohlen werden“ hinzuweisen, wenn es sich um Einladungen 
zu Hofe handelt. Die Worte „Höflichkeit“ und „Hof“ stehen nicht nur in etymologischem 
Zusammenhang, und es ist daher von vornherein nicht anzunehmen, daß eine Ein— 
ladung von Seiten des Hofes in Form eines Befehls erfolgt. Der immer wie— 
derkehrende falsche Ausdruck ist darauf zurückzuführen, daß der Text der dem Gaste 
zugehenden Einladung lautet: „Der unterzeichnete Oberhofmarschall beehrt sich auf 
Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers (oder Königs) Herrn ... (zu der und 
der Festlichkeit) einzuladen.“ Ein Befehl ist also seitens des Gastgebers nur seinem 
obersten Beamten zugegangen, nicht dem Gast, der, wie sich das von selbst versteht. 
eingeladen, aber nicht befohlen wird. 
In die erste Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV. fällt die Anlegung der beiden 
Schloßterrassen rechts und links von dem westlichen Portal der Lustgartenseite des 
Schlosses. Infolge der pietistischen Neigungen des Königs wurden sie im Volks-— 
munde nach dem orthodoxen Professor der Theologie Hengstenberg die „Hengsten— 
burg“ genannt. 1842 erhielten sie als Schmuck die beiden Rossebändiger, Arbeiten 
des russischen Bildhauers Baron von Clodt, die Kaiser Nikolaus J. seinem Schwager 
schenkte. Bekannt ist, daß der Berliner Witz sie als Symbole des „beförderten Rück— 
schritts“ und „gehemmten Fortschritts“ gekennzeichnet hat. Es sind Nachbildungen 
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