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Charlottenburg als Sommerfrische der Berliner

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

jetzt (1814) noch einige stehen, durch ihren weißen Anstrich hervorleuchten. Auch vor 
den Türen dieser Häuser war kein Kind, kein Kegel. Ich war doch gewohnt, am Sonn— 
tag sogar auf den Dörfern Leute auf den Gassen anzutreffen, die an einem schönen 
Sommertage sich gleichsam sonnten oder den Spielen ihrer Jugend zusahen und dabei 
ihre Pfeife Tabak in Ruhe rauchten. Also fiel mirs um so mehr auf, daß Charlotten⸗ 
burg doch eine Stadt sein und an einem Sonntag kein Mensch sich auf der Straße sehen 
lassen wollte. ‚Ist denn der Ort ausgestorben oder sind die Häuserchen dort unbewohnt?“ 
fragte ich meinen Begleiter. „Dies nicht', ward mir zur Antwort, ‚aber die Leute haben 
jetzt keine Nahrung, seitdem die Zelten im Tiergarten entstanden sind, und es ist wohl 
nur Zufall, daß man jetzt keinen Menschen sieht‘. ‚„Aber', fuhr ein anderer fort, „mir ist 
das unangenehm, denn ich weiß nicht, in welcher Gegend und in welchem Hause die 
Frau wohnt, die ich kenne und die uns gewiß, wenn ich zu ihr komme, unsern Kaffee 
kochen wird. Wo soll ich sie nun erfragen?‘ Indem waren wir mitten auf den Markt⸗ 
platz gekommen und erblickten einen Jungen von der linken Seite der breiten Spree— 
straße herkommen. Dieser ward herangerufen und nach der Frau befragt und glück— 
licherweise wußte er, daß sie beim Kastellan des Schlosses, der neben dem Schlosse ein 
eigenes Häuschen bewohnte, sich aufhalte und in dessen Garten- oder Nebenhäuschen 
wohne. Wir gingen also der Nase nach, als wir den barfüßigen Knaben verlassen hatten, 
zum Schlosse, wieder ohne einem Menschen zu begegnen, weil damals dorten gar keine 
Häuser stunden. Der Gasthof, jetzt, Zum goldenen Stern‘ genannt, war das letzte Haus 
auf dieser Straße rechts, und links stand nur ein einziges Haus noch weiter vom Schlosse 
herab. Der Weg dahin war also ganz öde, voller Sand, und beim Schlosse vorbei 
wurde mir das Gehen, da ich schon müde war, äußerst beschwerlich, weil kein Schatten 
mehr uns im tiefsten, toten Sande vor der Somenhitze beschützte. Endlich kamen wir 
bei der alten Frau an und erhielten unseren Kaffee gekocht, nachdein sie mit vieler Mühe 
ein Töpfchen elender Milch aufgetrieben hatte. Hierauf besuchten wir den Königlichen 
Garten, sahen die Karpen, die ich mir aber weit größer vorgestellt hatte, und gingen, 
als sich die Sonne neigen wollte, durch eben dieselbe Berliner Straße wieder zurück. 
Da muß ich denn aber gestehen, daß wir einigen Leuten begegneten und zum Fenster 
heraussehend erblickten. Wagen und Kutschen entdeckten wir nicht, auch saßen keine 
Berliner vor den Türen.“ 
Mit dem Erwachen der Freude an der Natur und am Landleben begann Char— 
lottenburg sich in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts allmählich nicht nur 
zum Ausflugsort, sondern auch zur Sommerfrische zu entwickeln. Eine der ersten 
Schilderungen eines solchen Ausflugs bietet Professor Ulrich in seinen „Bemerkungen 
eines Reisenden durch die königlich preußischen Staaten“ vom Jahre 1779. Wenn 
er angibt zu dieser Fahrt von den Linden bis zum Charlottenburger Schloß 
5i/ Stunden gebraucht zu haben, so ist das nicht recht verständlich und beruht wohl 
auf einem Irrtum in den Zeitangaben. Sein romantischer Bericht ist im übrigen recht 
unterhaltend und kennzeichnend für die Zeit der Empfindsamkeit: „Wir waren unserer 
zwölfe, teils fuhren, teils ritten wir. Ich, der sonst gern zu Pferde sitze, wählte dies— 
mal die Kutsche. Sie vermuten unrecht, wenn Sie denken, daß ich es den Schönen, 
welche mit reiseten, zu Gefallen getan habe. Diesmal irren Sie sich ganz gewiß. Denn
	        
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