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Charlottenburg als Sommerfrische der Berliner

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

rinnen weissagte ihrerseits der Frau Kurfürstin in der allererwünschtesten Weise Glück 
in recht hübschen deutschen Versen, welche die Hand des Herrn von Besser verrieten. 
Herr Quirini war Kammerdiener der Frau Heilkundigen, und ich wählte meinen Platz 
— 
Kurfürstliche Durchlaucht zu berichten. Nun bekam das Edelfräulein der Frau Prin— 
zessin von Hohenzollern Zahnschmerzen und der Zahnzieher trat mit seiner Hufschmieds— 
zange in Tätigkeit und brachte einen Zahn zum Vorschein, welcher so lang wie ein 
Arm war — und es war auch der Zahn eines Walrosses. Der Heilkundige hielt darauf 
eine Lobrede auf die Anstelligkeit seines Zahnziehers und gab der Versammlung zu 
erwägen, wie geschickt man zu Werke gehen müsse, um einen solchen Zahn schmerzlos 
zu ziehen. Unter den Kranken, welche Heilmittel verlangten, waren die Herren von Ale— 
feld und von Fleming, die Gesandten Dänemarks und Polens und auch unserer, der 
Herr von Ilten, welche sich als Bauern ihres Landes verkleidet und auch ihre Bäue— 
rinnen zur Seite hatten. Die Frau Großmarschall war die Frau des Zahnziehers: 
sie assistierte ihm, indem sie seine Waren und Werkzeuge zurechtlegte. Ebenso ging es 
bei den anderen zu: mehrere ließen auch geschickt Segenswünsche für den Kurfürsten 
und die Kurfürstin mit einfließen, Herr von Obdam auf Flämisch, Herr von Fleming 
auf gut Pommersch, denn er schloß also: 
Vivat Friedrich und Charlott', 
Wer's nicht recht meint, ist ein Hundsfott. 
Schließlich wurde die babylonische Sprachverwirrung daraus, weil jeder in seiner 
Sprache redete, und Herr von Obdam huldigte der Frau Heilkundigen mit dem von 
ihm vorgetragenen Liede von der Heilkraft der Liebe. Er sprach schließlich die Allmacht 
des Universalmittels aus und erkannte sie auch demjenigen zu, welches eine solche Heil— 
kundige verkaufte. . .. Zum Schluß kam Seine Durchlaucht der Kurfürst selbst aus 
seiner Loge herunter, als holländischer Matrose verkleidet, und kaufte hier und da in 
den Buden des Jahrmarkts ein. Dabei spielte das Orchester auf. Und alle Teilnehmer 
— es waren und durften nur Mitglieder der Hofgesellschaft oder sonst hervorragende 
Männer sein — haben zugestanden, daß eine große Oper, welche Tausende von Talern 
gekostet hätte, den Mitwirkenden wie den Zuschauenden nicht so viel Vergnügen ge— 
macht haben würde.“ 
Solche „Wirtschaften“, Balletts, Singspiele, Opern und von der Hofgesellschaft 
aufgeführte Dramen wechselten vor und nach der Krönung in bunter Folge am Hofe 
in Lietzenburg ab. Kein Wunder, daß die Mutter der Kurfürstin, die mehrfach aus 
Hannover zum Besuch an den Berliner Hof kam, schon 1700 das Lietzenburger Schloß 
in einem Brief an Leibniz „die Lustenburg“ nannte und daß ihre Nichte Elisabeth 
Charlotte von der Pfalz ihr auf einen das muntere Leben daselbst schildernden Brief 
schrieb: „Euere Liebden machen mir das Wasser in den Mund kommen, zu verzählen, 
wie lustig es dort in Lützenburg hergeht .. Wie Euere Liebden den Ort beschreiben. 
st es ein recht irdisch Paradies.“ 
Daß bei diesen Lustbarkeiten gelegentlich auch die Sinnesart des Kronprinzen zum 
Ausdruck kam. der mehr Freude daran hatte, seiner Mutter seine Kadettenkompagnie 
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