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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Stelldichein zärtlicher Art hier zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen gehörte, versteht 
sich von selbst, und oft genug spielte das Eis den Eheprokurator. Ich darf nicht ver— 
gessen, zu erzählen, daß der berühmte Bildhauer Schadow, damals schon über 70 Jahre 
alt, nicht selten sich unter die lustige Schar mischte, und auf seinen Schlittschuhen munter 
über die Fläche dahinglitt. Das Publikum war bei diesem Wintervergnügen je nach 
den Tagesstunden ein sehr verschiedenes, was mit der Zeit zusammenhing, wo das 
Mittagsmahl in den Familien eingenommen zu werden pflegte. Der Vürgerstand 
speiste in der Regel um ein AUhr, Vornehme um zwei oder drei, und nur ganz erklusive 
Leute hatten noch spätere Stunden für das Mittagsmahl. Friedrich Wilhelm III. 
speiste, wie ich glaube, regelmäßig um eins. Auf diese Weise machte es sich von selbst, 
daß die Männer und Frauen aus den mittleren Ständen um Mittag die Schlittschuhbahn 
verließen oder sich erst nach Tische einfanden, während die feinere Welt von eins bis 
um drei erschien. Auch die frühen Morgenstunden von zehn bis zwölf waren sehr 
fashionabel, weil die Attachés der Gesandtschaften und die jeunesse dorée sich alsdann 
auf dem Eise tummelte, während die misera contribuens plebs zu Hause sitzen und 
arbeiten mußte.“ 
Später wurde die Rousseauinsel im Tiergarten als Eislaufplatz den Zelten vorge— 
zogen. Dorthin wollen wir Schmidt-Weißenfels folgen und seinen „Geschichten aus 
Berlins Vor- und Nachmärz“ die nachstehende Schilderung des Vergnügens ent— 
nehmen, das dem Berliner die Rousseau-Insel im Winter bot. Erinnerungen werden 
wach, wenn er erzählt: „Dann, wenn die Sonne am höchsten steht, bevölkert sich jener 
Teil des Tiergartens, wo die Gewässer im Sommer am meisten Malaria entwickeln, 
im Winter, wenn es friert, eine der besuchtesten und angenehmsten Eisbahnen bilden. 
Die elegante Welt der Hauptstadt gibt sich hier Rendezvous; die Garde und die jeunesse 
dorée, die Mädchen des Geheimratsviertels und Damen noch höherer Art, auch ge— 
ringerer, mit oder ohne brüderliche Begleitung, versanmeln sich hier, sie schnallen sich 
den Stahl unter die Stiefeln und laufen Schlittscehuh, eine bunte, sich tummelnde Ge— 
sellschaft mit rosigen Wangen und roten Nasen, der zuzuschauen nicht ohne Reiz ist. 
Um keinen Preis würden die edlen Berlinerinnen, eine ganz hübsche Kategorie des 
zarten Geschlechts und mit gefühlvollen Herzen begabt, dies in letzterer Zeit Mode 
gewordene Wintervergnügen wieder aufgeben; denn es ist zu bemerken, daß es vor 
allem die Damen sind, welche um die sogenannte Rousseauinsel herumschwärmen, und 
daß ihretwegen die Männerwelt für das Schlittschuhlaufen in jener Gegend ein un— 
ausrottbares tendre fühlt. Nicht etwa, daß es sich dabei um das vielseitige Ver— 
gnügen handelt, die Damen dahinschwirren, holländern und vielleicht auch fallen zu 
sehen — o nein! ein tieferer, edlerer, wahrhaft philanthropischer Sinn liegt in diesem 
Spiel der Beine. Es läßt sich nämlich nicht leugnen, daß bei der statistisch festgestellten 
Majorität des weiblichen Geschlechts gegen das männliche und bei der immer stärkeren 
Anhänglichkeit des letzteren an die Lehre des Paulus: „Heiraten ist gut, aber nicht 
heiraten noch besser‘ die Bedrängnisse der heiratslustigen Mädchen in bedenklicher Art 
sich steigern. In den großen Städten wie Berlin sind öffentliche Gesellschaften dem 
Terrorismus eines minder auf reelle Heiratsabsichten gerichteten Geschlechts verfallen 
und können daher für die Vermittlung solider Bekanntschaften von den besorgten Haus—
	        
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