Path:
Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Pleonasmus ‚,meine Madam'; die ‚gnädige Frau‘ war noch das Vorrecht der 
Adligen ... Da ist mir nun der Zwischensatz so lang geraten, daß ich den Hauptsatz 
gar nicht zu Ende bringen kann, sondern ihn von vorn aufnehmen muß. Eine Dame 
mußte sich also die Erlaubnis, in einem öffentlichen Lokal zu sitzen, dadurch erkämpfen, 
daß sie einen Spaziergang vor das Tor antrat. Und dazu hatte der Weg vom Bran— 
denburger Tor bis zu den Zelten gerade das richtige Maß. Draußen wurde aus— 
schließlich Weißbier verschenkt, und namentlich dasjenige in dem Zelt Nr. 2 bei Cornel 
stand in hohem Rufe. Weißbier und die Zelten gehörten damals noch untrennbar zu— 
sammen, und ich habe den Wechsel alles Irdischen selten in solcher Schroffheit emp⸗ 
funden als im Jahre 1873, wo mir bei einem Besuche in den Zelten erklärt wurde, 
gestern sei an diesem Orte die letzte Weiße ausgeschenkt worden. In der Mitte des 
Platzes stand eine Estrade für ein Orchester. Die vier Wirte ließen für gemeinsame 
Rechnung Musik machen; der starke Besuch, dessen sie sich erfreuten, gestattete ihnen 
das und machte es ihnen auch notwendig, für die Unterhaltung ihrer Gäste etwas zu 
tun. Es wurde schlecht und recht Tanzmusik, unterbrochen von Potpourris, gespielt ... 
Ein Abend in den Zelten war ein Typus idyllischen Kleinbürgerlebens.“ 
In die Zelten verlegt E. T. A. Hoffmann, der dort Anregung und Stoffe für seine 
literarischen Arbeiten suchte und fand, den Anfang seiner Erzählung: „Nitter Gluck“, die, 
1808 entstanden, nach des Verfassers eigener Mitteilung auf eine wirkliche Begebenheit in 
Berlin zurückzuführen ist.“) Der Träger der Erzählung sitzt an einem Oktobersonntag des 
Jahres 1807 im Garten vor Webers Zelt, in dem ein Orchester spielt. Denn: „Der Spät— 
herbst in Berlin hat gewöhnlich noch einige schöne Tage. Die Sonne tritt freundlich aus 
dem Gewölk hervor, und schnell verdampft die Nässe in der lauen Luft, welche durch die 
Straßen weht. Dann sieht man eine lange Reihe, buntgemischt — Elegants, Bürger 
mit der Hausfrau und den lieben Kleinen in Sonntagskleidern, Geistliche, Jüdinnen, 
Referendare, Freudenmädchen, Professoren, Putzmacherinnen, Tänzer, Offiziere usw. 
durch die Linden nach dem Tiergarten ziehen. Bald sind alle Plätze bei Klaus und 
Weber besetzt; der Mohrrübenkaffee dampft, die Elegants zünden ihre Zigarros an, 
man spricht, man streitet über Krieg und Frieden, über die Schuhe der Mad. Beth— 
mann, ob sie neulich grau oder grün waren — bis alles in eine Arie aus „Fanchon“**) 
zerfließt, womit eine verstimmte Harfe, ein paar nicht gestimmte Violinen, eine lungen⸗ 
süchtige Flöte und ein spasmatischer“**) Fagott sich und die Zuhörer quälen. — Dicht 
an dem Geländer, welches den Weberschen Bezirk von der Heerstraße trennt, stehen 
mehrere kleine runde Tische und Gartenstühle; hier atmet man freie Luft, beobachtet 
die Kommenden und Gehenden, ist entfernt von dem kakophonischen Getöse jenes ver— 
maledeiten Orchesters: — da setze ich mich hin und überlasse mich dem leichten Spiel 
meiner Phantasie, die mir befreundete Gestalten zuführt, mit denen ich über Wissen- 
schaft, über Kunst, über alles. was dem Menschen am keuersten sein soll, spreche. Immer 
») Vgl Hans von Müller, Zwölf Berlinische Geschichten. Erzählt von E. T. A. Hoffmann, 
München, Georg Müller, 1821, 83 ff. und 348 ff. 
**) Nach Hans von Müller a. a. O. S. 83 eine leichte Oper von Himmel, Texrt nach Bouillys 
Vaudeville von Kotzebue. 
**x) Spasmatisch, auch spasmotisch oder spastisch soviel wie „krampfhaft“.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.