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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Versetzen wir uns 100 Jahre zurück, in die von unserem heutigen Standpunkt ge— 
ehen wahrlich nicht mehr nur „sogenannte gute alte Zeit“, als am Brandenburger Tor die 
Korbwagen hielten, die sogenannten Charlottenburger, über die in allen Schilderungen 
des damaligen Berliner Verkehrswesens in gleicher Weise geklagt wird. Hören wir Adolf 
von Schaden in „Berlins Licht- und Schattenseiten“ vom Jahre 1822: „Die Erbärmlich— 
keit dieser Mietwagen und die freche Arroganz ihrer Lenker übersteigt jede Vorstellung; 
zwar bezahlt man ein ungemein geringes Fuhrlohn, nämlich nur ein paar Groschen, allein 
wenn sich Fahrlustige finden, wird der Wagen so sehr überladen, daß er brechen möchte, 
und oft sah ich es mit an, daß solche Fahrzeuge in dem tiefen Sand stecken blieben und 
die Passagiere absteigen und zu Fuß gehen mußten. Mit Ungestüm laden jene Miets- 
kutscher ein, ihre Wagen zu besteigen, indem sie hoch und teuer versprechen auf der Stelle 
abzufahren; allein ist man leichtgläubig und tut dem Burschen nach seinem Willen, so 
muß man oft eine halbe Stunde und noch länger harren; denn ehe das Fuhrwerk besetzt 
ist, geht es nicht aus der Stelle. Die Mietkutscher unter sich leben in steter Feindschaft; 
ihr Brotneid ist grenzenlos. Oft hauen die Kerls in Mitte des Weges mit den Peitschen 
aufeinander los und die Passagiere riskieren bei solcher Gelegenheit, mit Hiebe zu er— 
halten. Die Polizei kennt ihre Leute und hat zwar auf die unverschämten Burschen ein 
wachsames Auge, allein allem Unfug solcher Art zu steuern, kann ihr nicht gelingen.“ 
„Keiner dieser Torwagen fuhr ab, bis er ganz gefüllt war,“ erzählt Professor Holtze in 
seinen „Bildern aus Berlin in zwei Menschenaltern“. „Hatte der Kutscher ein paar 
Personen im Wagen, so trat er neben die Pferde oder das Pferd, spähte mit einem 
Auge nach weiterem Zuwachs und ließ das bekannte, Et fehlt man noch eene lumpichte 
Person erschallen; mit dem anderen Auge schielte er auf seine Insassen, um rechtzeitig 
einzugreifen, falls deren einer, des langen Wartens müde, zu entschlüpfen suchte. Wurde 
die Ungeduld zu groß, so stieg er auf, fuhr einige Schritte, hielt und fahndete weiter. 
Dies Manöver wiederholte er so oft, bis der letzte Platz besetzt oder jede Aussicht auf 
vollständige Füllung geschwunden war. Das Verfahren dauerte oft mehr als eine Vier— 
telstunde, und wehe dem Fahrgast, der das Ende nicht abwarten mochte; er war beim 
Aussteigen eines kräftigen Aufgebotes sicher ... . Diese Torwagen fuhren stets dieselbe 
Strecke hin und her; der Preis war überall der gleiche: zwei Gute Groschen; nur für die 
Rückfahrt des Abends steigerten die Kutscher, wenn der Zudrang z. B. bei unvermutet 
eintretendem Regen übermäßig wurde, den festen Satz zu willkürlicher Höhe. An 
Wochentagen gab es auf der Charlottenburger Chaussee auch Teilstrecken. Wenn man, 
zu Fuß gehend, von einem leeren oder spärlich besetzten Torwagen eingeholt wurde, hielt 
man den Zeigefinger in die Höhe. Das bedeutete: ‚Wollen Sie mich den Rest der Tour 
für einen Groschen mitfahren lassen?“, worauf der Kutscher je nach Laune und Ermessen 
entweder verächtlich mit dem Kopfe schüttelte oder zum Einsteigen anhielt.“ 
Eine Verbesserung, aber auch eine Verteuerung der Verbindung nach Charlotten- 
burg trat ein, als der jüdische Fuhrherr Kremser im Mai 1825 auf seinen Antrag von 
König Friedrich Wilhelm III. die Genehmigung erhielt, am Brandenburger Tor wie zur 
Rückfahrt von Charlottenburg am Ausgange der Stadt an der Berliner Straße vier— 
oder mehrsitzige Wagen aufzustellen. Im Gegensatz zu den „Charlottenburgern“ hingen 
diese Wagen in Federn. Die mehrsitzigen hatten zwei Reihen Sitzbänke in der Längs- 
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