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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

versäumten, gehörte den gebildetsten Kreisen an und vermehrte sich rapid — aber am 
1. April war mein Kontrakt zu Ende und — der stolze Odeumsbau wurde abgerissen, 
der Garten parzelliert und seitdem thronen dort die Mietspaläste Hohenzollernstraße 
Nr. 17228 und Tiergartenstraße 22 und 23.“ 
Der Antipode Liebigs in der Art zu dirigieren war der „militärische Orpheus“ 
Berlins, der Generalmusikdirektor Wieprecht. Als solcher konnte er eine so gewaltige 
Masse von Musikern aus den verschiedenen Regimentern der Berliner Garnison ins 
Treffen führen, daß der früher vielbeliebte Ausdruck „Monstre-Konzerte“ für seine 
musikalischen Darbietungen größten Stils durchaus berechtigt erscheinen kann. Im 
Gegensatz zu dem hageren Liebig mit seinen weißen Haaren war Wieprecht eine kleine 
korpulente Gestalt mit einem geröteten jovialen Gesicht. Er trug eine Uniform mit 
eigenartiger Goldstickerei am Kragen, die, da es in der preußischen Armee nur einen 
einzigen Generalmusikdirektor gab, eine Einzelerscheinung darstellte. Besonders komisch 
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wirkten die dankenden Verbeugungen der gedrungenen Gestalt „und wenn Wieprecht 
mit seinem rotseidenen Taschentuche die perlende Stirn trocknete, dann wußte man nicht, 
ob das Taschentuch oder das Gesicht röter war. Denn Wieprecht dirigierte, nein, er 
arbeitete wahrhaftig im Schweiße seines Angesichts mit einem dünnen, hölzernen Takt— 
stock, der über einen halben Meter lang war.“ Wieprechts Konzerte fanden im Sommer 
im Hofjäger statt, während er im Winter auch im Zirkus oder im Viktoriatheater zu 
wirken pflegte. 
Der Hofjäger war ein großer Bier- und Kaffeegarten in dem Teil des Tiergartenge— 
ländes, wo später die palaisartigen Häuser von Tiedemann-Hardt, von Kramsta, jetzt 
schwedische Gesandschaft, und von Siemens, die Villen Hitzigstraße 4 bis 10 und fast sämt⸗ 
liche Häuser der Friedrich Wilhelmstraße standen. Der größere Teil des Gartens lag auf 
der südlichen Seite des Schafgrabens zwischen der Tiergarten- und jetzigen Kaiserin 
Augustastraße. Der Graben war von der Van der Heydt⸗Straße an nicht gleichlaufend 
mit dem heutigen Landwehrkanal, dem westlich abbiegend ein neues Bett gegraben wurde. 
22 Krieger, Berlin. 
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