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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Im Tiergarten hatten auch die Eltern des 1799 geborenen Romanschriftstellers 
und gefürchteten Musikkritikers Ludwig Rellstab ihre Sommerwohnung. In seinen 
Denkwürdigkeiten „Aus meinem Leben“ gibt er uns eine Schilderung davon, wie solche 
Sommerquartiere beschaffen waren und was sie dem damaligen Großstädter boten. 
„Meine ersten Erinnerungen von der Bewohnung des Tiergartens knüpfen sich an 
ein Gehöft, das einem Mitgliede der französischen Kolonie, einem Gärtner Guichard 
zehörte. Es bestand aus mehreren kleinen, langen Häusern von einem Stockwerk, 
welche den Gartenraum von beiden Seiten einfaßten. Der Name Guichard, der da⸗ 
mals öfter unter den Ansässigen im Tiergarten vorkam (schon der nächste Nachbar, 
ein Bruder unseres Wirts, führte denselben), deutete darauf, daß — wie die französischen 
Emigranten überhaupt die Gartenkunst, die Zucht der Früchte und Gemüse nament- 
lich, aus ihrer Heimat nach der Mark recht eigentlich verpflanzten — auch der Tier⸗ 
garten ein Hauptschauplatz ihrer neuen Tätigkeit geworden war. Jetzt freilich ist dort 
alles aus den Händen der Arbeitsamen in die der Wohlhabenden und NReichen über— 
gegangen. — Das Gehöft in Rede war nicht von meinen Eltern allein bewohnt, son⸗ 
dern die langen, niedrigen Häuser enthielten viele kleine Gartenwohnungen, und jedem 
der Bewohner war von dem gemeinsamen Gartenplatz, wie diese Einrichtung auch noch 
jetzt vielfach in den vermieteten Häusern des Tiergartens besteht, ein Fleckchen mit 
einer Laube als besonderes Eigentum zugewiesen.“ Rellstab erzählt dann ein merk— 
würdiges Kindererlebnis, bei dem es sich um nichts weniger handelte als um 
die, soweit man bei einem Kinde davon sprechen kann, ganz ernsthaft beabsich- 
tigte Beiseiteschaffung eines ihm unleidlichen Altersgenossen. Auf die Einzelheiten 
dieser phantastischen Schilderung einzugehen, würde zu weit führen. Wir wollen uns 
darauf beschränken, den nachhaltigen Eindruck wiederzugeben, den der Tiergarten 
in ihm hinterlassen hatte. Wie er in ihm wirksam und lebendig geblieben war,— 
schildert der Sechzigjährige in freundlicher und dankbarer Rückschau. 
„Der schönste Schauplatz meiner frühesten und auch noch vieler späterer Er— 
innerungen bleibt der Tiergarten. Das ungestörteste Spiel unter seinen Bäumen 
auf dem grünen warmen Rasen, das Pflücken der Blumen zum Strauß für die 
Mutter, das Hinaufschauen in die rauschenden Wipfel, das Einatmen des wür— 
zigen Waldduftes, der nächtliche Anblick der schwarzen Fichtenhäupter, alles dieses 
bildete eine Kette von anregenden, verschiedenartig beglückenden Eindrücken, deren Ge⸗ 
samtwirkung unerlöschlich in mir geblieben ist. .. Der Tiergarten war damals zu den 
Spielen und Freuden der Jugend noch viel geeigneter als jetzt. Der Wald bot große 
Strecken dar, wo alles dem freien Wuchs überlassen war. Außer der Straße nach 
Charlottenburg gab es keinen einzigen chaussierten Weg in demselben, sondern nur tiefe 
Sandwege durchkreuzten ihn. Daher sah man selbst in den größeren Alleen verhältnis— 
mäßig wenig Wagen, die sich in langsamer Schwerfälligkeit dahin bewegten. Einzelne 
Teile trugen allerdings den heutigen Charakter, den eines englischen Gartens. Den an 
der Luiseninsel nannte man ‚die englischen Parthieen‘; aber ihr Raum beschränkte 
sich auf wenige hundert Schritte der Breite und Tiefe und nur bei der Rousseau—⸗ 
Insel fand sich noch eine ähnliche Anlage. Weiter hinein war der Wald, die großen 
Fahrwege, die ihn als breite Gestelle durchschnitten, abgerechnet, so gut wie unberührt 
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