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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

felde an den Herzog von Kurland verkauft hatte, 1784 die Meierei im Tiergarten mit 
dem Schneiderschen Fabrikgebäude, um sich dort einen Sommersitz zu schaffen. Mit der 
Ausführung des Schloßbaues beauftragte er den Direktor des Oberbaudepartements 
Michael Philipp Boumann, den zweiten Sohn des Oberbaudirektors Johann Boumann 
des Alteren, der uns als Baumeister Friedrichs des Großen bei der Ausführung von 
Bauten in Berlin und Potsdam schon mehrfach begegnet ist. Daß Michael Philipp 
und nicht sein älterer, in der Baugeschichte Berlins viel häufiger genannte Georg Fried- 
rich Boumann der ausführende Baumeister von Bellevue war, ist wohl nach den 
Ergebnissen der Untersuchung von Dr. Hans Hackmann in seiner Dissertation „Das 
Schloß Bellevue und seine Stellung in der Architekturgeschichte Berlins“ (1915) an— 
zunehmen. Hackmann glaubt dem Georg Friedrich Boumann auch die Mitarbeit am 
Bau des Bibliotheksgebäudes absprechen zu sollen. 
Maßgebend für die Gestaltung des Baues, insbesondere für den Grundriß, wurde 
der Umstand, daß der Schloßherr wie sein Baumeister in falsch angebrachter Spar⸗ 
samkeit das Schneidersche Fabrikgebäude in den neuen Schloßbau einbeziehen zu 
können meinten, anstatt es zum mindesten bis auf die Grundmauern abzureißen. Da 
es einen Flügel des neuen Schlosses bilden sollte, kam für den Grundriß nur die Huf— 
eisenform der französischen Schlösser in Betracht mit dem Mittelbau, dem corps de 
logis, und den beiden rechtwinklig daran stoßenden, den Ehrenhof einschließenden 
Anbauten. Nach dem Tiergarten zu schloß ein gemauerter Graben, in damaliger 
Zeit merkwürdigerweise „Aha“*) genannt, den Hof ab. Da sich der als Wohnung für 
das prinzliche Paar und seine Kinder gedachte Mittelbau in der Etagenführung un— 
möglich dem alten Fabrikgebäude anpassen konnte, ergab sich von vornherein ein un— 
architektonischer Organismus. Die Stockwerke der drei Teile mußten durch in den 
Ecken angebrachte Treppenanlagen miteinander in Verbindung gebracht werden. Ferner 
blieb auch nach dem erst im 19. Jahrhundert erfolgten Ausbau des früher gebrochenen 
Mansardengeschosses der Flügel, wie wir es nach französischem Vorbild bei Berliner 
Bauten zwischen 1740 und 1820 häufig finden, eine Ungleichheit in der Höhe des 
Mittelbaues und beider Flügel bestehen. Dieser Mangel der architektonischen Harmonie 
der Gesamtanlage wurde auch vom Grafen Lehndorff, einem häufigen Gast in Bellevue, 
empfunden. Er schreibt über Park und Schloß: „Tout cela a l'air solide et serait une 
admirable demeure d'un gentilhomme à 10000 écus de rente, mais cela n'a pas 
l'élegance d'une maison appartenant à un prince. On a offusqué par une aile de 
la maison la vue de la rivière qui fait la beauté de ce local et c'est Uune immense 
dépense qui selon moi ne remplit pas son but.“ AUnd ein anderes Mal: „La 
position en (des Gartens) est délicieuse et le Roi a donné encore un morceau 
du parc au Prince qui rend ce jardin délicieux. La maison aà des défauts d'archi- 
tecture, mais le tout sera une possession agréable.“ 
Für die Bauausführung wies der Bauherr die Bauleitung, Meister und ,Ouvriers“ 
an, sich die Anlage des Georgenhauses und Luisiums bei Dessau und das von Erdmanns- 
dorf gebaute herzogliche Schloß Wörlitz anzusehen und sich Modelle und Zeichnungen 
*) Die Bezeichnung geht auf das Erstaunen zurück, dem der Wanderer leicht Ausdruck 
gibt, wenn er einen weiten Rundblick genießt. 
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