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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

zibt, die alle Tage bis in den spätesten Herbst den Tiergarten und die Grünebergschen 
Hütten besuchen. Die Gesellschaft ist buntscheckigt genug. Eine Partie trinkt Kaffee, 
die andere Thee, eine dritte Bier und eine vierte, die vielleicht die Schwindsucht hat 
oder gern stark werden will, Wasser und Milch. — Hier sitzt eine Familie, die den fest— 
lichen Geburtstag ihres vierjährigen Kindes begeht. Alt und jung, von den einge— 
schrumpften Großtanten bis zum Jungen, dem zu Ehren diese Feier angestellt ist, herunter. 
Solchen Seenen mag ich gern beiwohnen. Der gutmütigen Mutter sah man die Freude, 
die das Herz in die Höhe schwellte, an, und der von Wonne über den klugen Jungen ent— 
zückte Vater wallete mit seiner Pfeife voll wohlriechenden Knasters unter seinen Freun— 
den herum. Neben diesem Tisch stand ein alter (vermutlich) Junggeselle, der vielleicht 
seit zehn Jahren die Hütten nicht besucht haben mochte. Wenigstens verriet es seine 
ganze Positur und sein Akkordieren mit dem Wirte über das Bier und das gedehnte 
Ausfragen, welches wohl das beste sei. Etwa drei Schritt in der Entfernung berat— 
ichlagten sich drei junge Leute Stando“) über ökonomische Sachen. Sie waren niedlich an⸗ 
gekleidet, dampften ihren Toback gar manierlich in die Lüfte und verstanden es ganz 
gut mit dem ohnehin bedeutungsvollen Tobackrauchen ökonomische Gespräche zu ver— 
binden. Ganz dicht an diesem ökonomischen Dreieck (die drei jungen Gelehrten formierten 
ein Dreieck) saß eine Partie äußerst empfindsamer junger Herren. Das Eau de Levante, 
Eau de la Sultane, Eau sans pareil und wie die Eaux alle heißen mögen, mußte in großer 
Quantität auf allen Kleidungsstücken schwimmen. So gewaltsam war der Geruch dieser 
zalanten Wasser. Ihr Anzug entsprach dem neuesten Geschmack von Paris. Die 
Schuhe schimmerten durch die großen Schnallen beinahe nur durch. Ein seidner Strumpf, 
fast wie eine Spinnwebe dünne, umhüllte die Wade, welche vermöge des Strumpf— 
bandes und des Kniegürtels ziemlich zusammengepreßt war, weil man sonst nicht viel 
davon würde haben sehen können. Ein kurzes Chemisett drückte den Körper bis an den 
Unterleib zusammen. Sechs Knöpfe waren aufgeknöpft, damit das feine zierlich 
ausgenähte Chapeau**) und die offene weiße Brust, (man trägt die Oberhemden 
vorn offen, um dem schönen Geschlecht seine Ergebenheit zu bezeugen) sogleich in 
die Augen fallen möchten. Diese kleinen Kupidos hatten alle Bestandteile eines lieb⸗ 
lichen Petitmaitres. Ihre Unterredung betraf größtenteils das Schauspiel. Ich horchte 
genau, was sie untereinander verhandelten, und es waren lauter Themate aus der Drama— 
turgie. Französische Brocken; ein mon dieu! ein ma foi! ein je m'en demande pardon 
wurden gleich dem Zucker, den man auf die Mandel- oder Wienertorte streuet, über 
ihre Gespräche mit freigibiger Hand verbreitet. Besonders schienen sie für Aktricen 
ziemlich eingenommen zu sein, die Aktörs (so schreibt und spricht man jetzt anstatt Ak— 
teurs) wurden nur gelegentlich angeführt. O Madame Nouseul! sagte der Eine ächzend. 
Diese Madame muß also wohl schön sein, dachte ich bei mir selbst. Ich irrte mich nicht, 
denn die Quadrille von süßen Herren — es waren gerade vier — konnte nicht Aus— 
cufungen, Lobeserhebungen und Figuren genug finden, die reizende und bezaubernde 
Schönheit dieser Madame Nouseul nach Verdienst zu schildern. Unter diesen Beobach— 
*Stehend. 
*xd Soll heißen: „Jabot“ 
—7—
	        
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