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Der Tiergarten

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

sage, daß sich in Berlin sogar viele Chapeaus“) schminken? Diese sind wirklich noch 
weit sträflicher als das liebe Frauenzimmer; es kleidet sie auch weit weniger als jene. 
Gemeiniglich sind es auch nur die entnervten, kraftlosen Jünglinge, auf deren Gesicht 
die Verwesung schon zu wüten anfängt und eine Spur nach der andern aufdrückt, die 
sie denn freilich vor der Welt verbergen wollen, weil sie Denkmäler der Modelüste sind, 
denen sie sich im Frühling ihres Lebens ergaben. Ein ehrbares Mädchen wird allemal 
verächtliche Blicke auf solche verunstaltete Wollüstlinge werfen. Ich merkte es auch 
allen guten Mädchens an, daß sie beim Anblick solcher ihnen entgegen strömenden Scheu— 
sale von Mannspersonen ganz rot wurden und die Augen niederschlugen.“ 
In dem ungefähr gleichzeitig erschienenen Buche „Leben und Meinungen des Herrn 
Magisters Sebaldus Nothanker“ M, den er in seinen Bedrängnissen nach Berlin kommen 
und auf dem Wege dorthin einen stark pietistischen Wandergenossen finden läßt, schil— 
dert Nicolai die bürgerliche Welt, die sich in den frühen Nachmittagsstunden des Sonn— 
tags am Zirkel versammelte und den Tiergarten mit ihren spießbürgerlichen Erschei— 
nungen belebte. In seiner rationalistischen Tendenz versteht er es, das mißfällige Arteil 
des Frömmlers über dieses harmlose Vergnügen der Spaziergänger in unterhaltender 
Weise lächerlich zu machen. Schließen wir uns den beiden Wanderern an und hören 
wir, was sie schauen und erleben. „Der Zirkel, der nach drei Stunden der Schauplatz 
der Schönen vornehmen Standes sein sollte, war jetzt im Besitze des gemeinen Mannes 
im besten Anputze und voll fröhlichen Mutes. Da war mancher gesunde Jüngling im 
neu gewendeten Rocke und mit goldner Troddel am Hute köstlich geputzt, neben ihm in 
silberverbrämter Mütze seine rotbäckige Liebste, die zur Feier dieses ihm längst ver— 
sprochenen Spazierganges ihre sämtlichen sechs Röcke über einander gezogen und 
die neuen kalmankenen“**) Schuhe nicht vergessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der 
ehelichen Verträglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen jüngsten Knaben 
im langen Rocke auf dem Arme trug, indeß die Mutter ihres Mannes Stock in der 
rechten Hand führte, zur Linken ihre fünfzehnjährige Tochter in der Schönheit der 
Jugend, mit niedergeschlagenen Augen unter der emporstehenden Haube sanft hervor— 
blickend. Die große Allee von der Stadt her war bedeckt von Spaziergängern zu Fuß 
und zu Pferde, und einige Wagen brachten bis ans Tor wohlbeleibte Tanten und 
bürgerlich erzogene Nichten, die nur die Reize eines angenehmen Spazierganges such— 
ten und auf wohlfrisierte Köpfe und Aufsätze nach der neuesten Mode acht zu haben 
nicht waren gewöhnt worden. Sebaldus' Stirn erheiterte sich bei dem Anblick so vieler 
vergnügter Leute. Des Pietisten Stirn aber runzelte sich vor geistlichem Verdrusse. 
„Siehe da,“ rief er aus: „Die Kinder Belials, wie sie den Lüsten des Fleisches nach— 
ziehen! Wie sie den Weg der Sünden gehen, reiten und fahren! Immer gerade in den 
höllischen Schwefelpfuhl hinein!“ „Behüte Gott,“ sagte Sebaldus, „ich finde nichts 
sündliches darin, daß diese Leute den herrlichen Tag genießen, den uns Gott gibt; so 
weit ich sehen kann, ist ihr Vergnügen sehr unschuldig.“ „O, wie sündlich,“ sagte der 
Pietist mit entflammten Augen, „das ist eben des Teufels Lockspeise, wenn er uns 
*2) Stutzer. 
**) Die erste Auflage erschien 1773 -1776. 
x5*s*) Gemustertes wollenes Zeug.
	        
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