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Die Linden

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

in Berlin, der dem Einzug beigewohnt hat, trifft wohl das Nichtige mit der nach— 
stehenden Schilderung: „Wenngleich auf diesem Zuge eine nicht unbedeutende Menge 
von Neugierigen sich eingefunden hatte, so herrschte doch unter diesen eine große Stille 
und fand der Ausruf, Es lebe der Kaiser‘, welcher von Angestellten Hulins, auch von 
einigen hierzu gedungenen Jungen aus dem Pöbel von Zeit zu Zeit ertönte und von den 
Franzosen mit „Vive l'empereur“ begleitet wurde, keinen Anklang noch Nachruf im Volke. 
An den Fenstern der Häuser sah man zwar viele Zuschauer, besonders Frauen, die je— 
doch nicht mit Tüchern wehten, wie solches Hulin mündlich gewünscht hatte, sondern oft 
mit selbigen die Tränen von ihren Augen abwischten und dadurch zeigten, welchen tiefen 
Kummer die Einwohner der Stadt über diesen Triumphzug des Kaisers empfanden.“ 
Wenn der berüchtigte Herausgeber der Zeitschrift „Der Telegraph“ Davidson, der sich 
später Daveson und danach K. J. Lange nannte, von „dem Jubelgeschrei vieler tausend 
Bürger und Einwohner Berlins“ spricht, so liegt das in der Tendenz seines Blattes, 
das durchaus den Franzosen zu schmeicheln bestrebt war. Die Berichte der Vossischen 
und Spenerschen Zeitung bieten keine ungetrübte Quelle. Beide Zeitungen standen 
unter französischer Zensur und brachten, wie allgemein bekannt war, unter dem Druck 
derselben nur Wiedergaben der kaiserlichen Bulletins. Wenn Ludwig Geiger in 
seinem bekannten Werk „Berlin 16881840, Geschichte des geistigen Lebens der 
— 
die begeisterte Aufnahme der französischen Truppen durch die Berliner anführt und be— 
richtet, sie seien von dem Anblick „ganz elektrisiert“ gewesen, so vergißt er das Zitat 
seines Gewährsmannes fortzusetzen, der hinzufügt: „besonders die gemeinen Juden, 
welche in Lobeserhebungen der Franzosen und Schimpfreden auf die Preußen kein 
Ende finden konnten, wozu besonders der verächtliche Herausgeber eines Tageblattes, 
des, Telegraphen‘, Lange, auf dem Schloßplatze das Signal gegeben hatte“ 
Mit mehr Recht darf man wohl die Zeugnisse aus dem feindlichen Lager heranziehen, 
um ein tatsächliches Bild von diesem für die preußische Hauptstadt so schmerzlichen Er— 
eignisse zu erhalten. „Fas est et ab hosste doceri.“ Wenn Napoleon in seinem 21. Bulle⸗ 
tin vom 21. Oktober nur zu sagen weiß: „One foule immense était accourue sur son 
passage; l'avenue de Charlottembourg à Berlin est très belle, l'entrée par cette porte 
esst magnifique“, so besagt das Schweigen über die Aufnahme durch die Bevölkerung 
Berlins genug. Sie entsprach nicht seinen Wünschen und nicht dem, was der Moniteur 
universel vom 4. November zu erzählen weiß, der den Franzosen vorlügt, alle Ein— 
wohner seien in Bewegung gewesen, um den Kaiser zu sehen; man habe nichts gesehen 
als Hüteschwenken, nichts gehört als den Ausruf: ‚Es lebe der Kaiser‘, so daß man 
hätte glauben sollen, man wohne mitten in Frankreich einer öffentlichen Festlichkeit bei.“ 
In seiner Histoire du Consulat et de l'Empire, VII, 174 sagt Thiers, der zwar nicht 
Augenzeuge war, aber ein begeisterter Verherrlicher Napoleons ist, von dem Einzug 
des Kaisers: „La foule était silencieuse, saisie à la fois de trisstesse et d'admiration... 
Les femmes de cette bourgeoisie prussienne semblaient avides du spectacle... 
quelques-unes laissaient couler des larmes. aucune ne poussait des cris de haine 
) Jugenderinnerungen. Nach der ersten von Mar Jähns besorqgten Ausqgabe neu bearb. 
von Karl Koetschau. Leipzig, Inselverlag 1911. S. 243. 
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