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Die Linden

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

vann von einem illuminierten Studenten oder Fähnrich zur Abwechslung in das Ge— 
summe hineingebrüllt, aber der „Jungfernkranz“ ist permanent; wenn der Eine ihn be— 
endigt hat, fängt ihn der Andere wieder von vorn an; aus allen Häusern klingt er mir 
entgegen; jeder pfeift ihn mit eigenen Variationen, ja, ich glaube fast, die Hunde auf 
der Straße bellen ihn. Wenn Sie vom Brandenburger nach dem Königstor, ja 
selbst, venn Sie vom Unterbaum nach dem Köpenicker Tor gehen, hören Sie jetzt immer 
und ewig dieselbe Melodie: das Lied aller Lieder, den Jungfernkranz.“ 
In der Zeiten Wandel hörten die Linden nach und nach auf, Erholungsstätte und Stell— 
dichein der Berliner zu sein. Die Stadt dehnte sich aus, neue Schmuckplätze, ganze Parks, 
wie der kleine Tiergarten, der Friedrichs- und der Humboldthain wurden geschaffen und 
die Verkehrsmittel erleichterten das Hinauskommen in die Umgebung. Dazu kam mit dem 
Kgl. Hof˖ und Einfahrwagen Anter den Linden. 
Sezc. von Fr. Krüger. lith. von Müller. 
Wachsen der Industrie gesteigerte Arbeit. Das kleinbürgerliche Leben, wie wir es 
noch auf unserem Bilde sich abspielen sehen, schlief ein, und die Großstadt erwachte. 
Nur der „Grandseigneur“ flanierte am Werktage noch auf der Südseite der Straße, 
und nur Sonntags noch pilgerten und pilgern die Bürger aus den anderen Stadtteilen zum 
Herzen der Stadt und von dort aus weiter in den Tiergarten. Den Zustand des Äergangs 
in der Entwicklung und Bedeutung der Linden hat Rodenberg in einem freundlichen Bilde 
seiner Erinnerungen festgehalten. Hören wir, wie er die Linden sah und liebte: „Spät 
am Morgen, wie die hohen Herrschaften alle, wachen die Linden auf; wenn ganz Berlin 
schon im Trab ist, reiben sie sich erst den Schlaf aus den Augen. Auffallend still und 
leer ist es dann auf den breiten Trottoirs und den vierfachen Reit- und Fahrwegen. 
Diejenigen, welche das Privileg der Linden haben, sie, die nicht leben können, ohne 
wenigstens einmal des Tages ihr Gesicht unter den Linden gezeigt zu haben — Ge— 
sichter, einander so ähnlich wie die Hüte, Vatermörder und Cravatten, zwischen denen 
sie gesehen werden — die Habitués der Linden, welche nicht müde werden, dieses Pflaster 
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