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Die Linden

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Rotwein ihm nicht zu bannen vermochte. Wenn zwei dasselbe erleben, ist es drum nicht 
dasselbe. So, wie man es sieht, so ist es. An der westlichen Ecke der Charlottenstraße 
folgte das Restaurant von Sala Tarone, in dem E. Th. A. Hoffmann in seiner Novelle 
„Die Brautwahl“ den Kommissionsrat Melchior NRoßwinkel täglich um 11 Uhr vier Sar— 
dellen und ein Gläschen Danziger zum Frühstück nehmen läßt. Die beiden Häuser Nr. 31 
und 32 waren Immediathäuser Friedrichs des Großen; sie sind heute nicht mehr vorhanden. 
An der anderen Ecke, im Hause Nr. 33, lag das Café Noyal, ein Stammlokal Hoff— 
manns und nach Heine das splendidste Kaffeehaus mit Restauration und der Ver— 
sammlungsort der eleganten und gebildeten Welt. „Das freundliche Menschengesicht, 
das an der Tür steht, ist Beyermann. Das nenne ich einen Wirt! Kein kriechender 
Katzenbuckel, aber doch zuvorkommende Aufmerksamkeit, feines, gebildetes Betragen, 
aber doch unermüdlicher Diensteifer, kurz eine Prachtausgabe von Wirt.“ In den 
achtziger Jahren befand sich in dem Hause das bekannte, vornehme Restaurant von 
Poppenberg. 
Gegenüber von Sala Tarone, an der Ecke der Nordseite der Linden und der Stall⸗ 
straße — so hieß früher, wie wir bereits hörten, die Charlottenstraße zwischen den Linden 
und der Dorotheenstraße — lag ebenfalls ein von Friedrich dem Großen gebautes 
Haus, Nr. 39. Beide Eckhäuser sind von Unger gebaut. Die Ähnlichkeit der gequaderten 
Fassaden läßt den gleichen Baumeister erkennen. Bald nach seiner Fertigstellung muß 
dieses Haus zu einem Gasthof eingerichtet worden sein. Denn schon 1779 gibt uns 
Professor J. G. F. Urich in den anonym erschienenen „Bemerkungen eines Reisenden 
durch die königlich preußischen Staaten in Briefen“ die nachstehende Schilderung dieser 
Gaststätte, die von der Witwe Ditrich geführt wurde: „Der Postillon riet mir menschen— 
freundlich einen Gasthof Unter den Linden an, welcher mit dem stolzen Titel Ville de 
Rome prangt. Eine gute, ehrbare, ziemlich starke Matrone empfing mich mit aller 
menschmöglichen Freundlichkeit und zeigte mir im zweiten Stock ein geschmackvoll 
möbliertes Zimmer, wo ich alle nur selbst gewünschte Bequemlichkeit haben könnte. 
Und die habe ich auch, Dank sei es dem Postillon und Dank der guten Wirtin! 
La ville de Rome ist nach meinem Gefühl ein gar herrliches Hotel. Es ist freilich 
so wohlfeil nicht, wie in dem Kronprinz in Halle oder in M..., aber man wird auch da— 
zgegen durch so viel andere Dinge schadlos gehalten, daß man das leidige Geld bald 
darüber vergißt. In Gesellschaft ganz vortrefflicher Offiziere von verschiedenen Regi— 
mentern der Berliner Garnison und einiger Civilisten wurden mir meine Soupers und 
Diners ein schätzbarer Beitrag zur Kenntnis von Berlin.“ 17909 ist das Hotel im Be— 
sitz des Gastwirts Pätschke, 1820, zur Zeit des Entstehens der Bilderreihe der Linden, 
gehört es dem Gastwirt Saust. Ein späterer Inhaber öffnete die unteren Räume nach 
der Straße und schloß sie durch eine mit grünen Pflanzen und Blumen besetzte Platt-— 
form von ihr ab. „Die dichten Wände wichen schlanken Säulen und gestatteten des 
Abends einen Durchblick durch das tiefe Parterre, in dem zahlreiche Gasflammen in 
kristallenen Schalen flackerten und ihre Strahlen durch schlanke Lorbeeren und Myrten 
auf Sorbet schlürfende Löwinnen in Moiree antique, auf Dandys mit weiten Armeln, 
starken Bärten und schmalen Schultern werfen.“ „Berlin wird Weltstadt“ heißt das 
Buch von Robert Springer, dem wir diese Schilderung entnehmen. In den Jahren 
33
	        
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