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Die Linden

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

sterbe. Alle die schönen Häuser, lieber Leser, die du hier unter den Linden siehst, gehören 
fast ausschließlich dem Judentum oder, wenn sie ihm nicht schon ganz gehören, so ge— 
hören ihm zuverlässig die Hypotheken. 
Ich sagte oben, das Christentum sei in Berlin im Aussterben; man muß das nicht 
so wörtlich nehmen, denn es kann trotzdem wohl noch einige Jahrhunderte so hinsiechen. 
Darüber ist jedoch Niemand im Zweifel, daß die Minister, welche jetzt die Namen 
Bismarck, Eulenburg u. s. w. führen, in hundert Jahren Graf Levy und Baron Hey— 
mann ete. heißen werden. Bis jetzt sind die Minister-Portefeuilles noch die einzigen 
Portefeuilles, welche die Juden nicht in Händen haben ... 
Doch lassen wir diese Betrachtungen, die mehr ethnographisch als photographisch 
sind. Erinnern wir uns, daß wir an Kranzlers Ecke sitzen. Fordere dir eine Tasse Kaffee, 
ieber Leser. Da es noch nicht zehn Uhr vorüber ist, kann sie noch zu haben sein. Schau 
nicht hinter dich in die Konditorei, denn dort gehts gemessen her wie in einem Salon 
ttill, wie in einer Kirche. Wer hier eintritt, zieht höflich seinen Hut und setzt ihn auf die 
oon Frucht- und Zuckersaft klebenden Marmortische. Lieber den Hut als den Anstand 
oerletzen! Und wenn dir nun die Mamsell den Kaffee bringt, sei sehr höflich gegen sie, 
denn es könnte sein, daß sie heute oder morgen einen Grafen heiratete, was zwar nicht 
oorkommt, aber nach ihrer Meinung doch alle Tagçe passieren kann. Bezahle auch den 
Kaffee sogleich bei Empfang, denn selbst, wenn du täglicher Stammgast hier wärest, 
könnte es doch geschehen, daß du in der Zerstreuung das Zahlen vergäßest, und deshalb 
hat die Mamsell den Auftrag, dich höflich daran zu erinnern. Es ist ja so süß den Frauen 
zu geben! Sei auch nicht so verwegen, hier nach elf Uhr Abends, wenn alle soliden Leute 
schon längst zu Bett gegangen, ein Kaffeehaus suchen zu wollen. Ich habe soeben erst da— 
rauf hingedeutet. Wie verlockend dir auch mit Einbruch der Dunkelheit die über die Rampe 
— 
einzigen, wahrhaft großstädtisch belebten Ecke Berlins ist, mag dich nach der Tageshitze die 
schönste Sommernacht im Freien erwarten und dir den Aufenthalt in dem engen, schwülen 
Zimnier zur Galeere machen, wage es nicht, um 11 Uhr hier einen Platz auf der Rampe 
isurpieren zu wollen. Schonunglos erscheinen um diese Zeit die dienstbaren Damen und 
öschen dir das Gaslicht aus, werfen dir vernichtende Blicke zu und machen unerschrockene 
Versuche, dir den Stuhl unter dem Leibe fortzunehmen. Die zukünftigen Gräfinnen sind 
müde, sie haben den ganzen Tag die Honneurs gemacht und wollen zu Bette gehen. 
Wage es, deinen Stuhl zu verteidigen; man schließt die Tür der Konditorei und 
läßt dich sitzen. Sei aber nicht so unvorsichtig, dich einmal leichtsinnig vom Stuhl zu 
erheben, denn hinter dir öffnet sich das Fenster, eine Hand streckt sich nach dem Stuhl 
aus, holt ihn durchs Fenster, das sich hinter ihm schließt, und du hast dein Spiel ver— 
loren. Das Kaffeehaus ist tot und still; es erlaubt dir großmütig, den Tag hindurch 
in der Sonnenhitze hier zu sitzen, die Nacht aber ist Keiner der Mamsellen Freund, und 
schlafen muß der Mensch, wenn er von des Tages Werk ermüdet ist.“ 
„Vom Vanilleeis zur Knoblauchswurst ist oft nur ein Schritt“, sagt Robert Sprin— 
zer in einer Schilderung der Straßen, Kneipen und Klubs von Berlin im Jahre 1848. 
Allabendlich versammelte sich an der Kranzlerecke in den Sommermonaten „der Linden- 
lub‘'unter Führung eines in seiner wirtschaftlichen Lage heruntergekommenen früheren 
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