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Die Linden

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Kranzlerschen Dandytums, denen sich mehr oder minder erleuchtete, dunkle oder leere 
Körper anschließen.“ 
Der antiagrarische Beobachter gibt uns folgende Schilderung des Kranzler-Habitués: 
„Unter den Linden, an der Ecke der Friedrichstraße, auf der prächtigsten Perspektive Berlins, 
wo der Glanz und die Mode herrscht, wo die langsamen Droschken aus Scham ihren 
Schritt beschleunigen, um dem Gedränge der aristokratischen Karossen zu entrinnen und 
wo selbst das Pferd eines gemeinen Kärrners von Demut über seine plebejische Her— 
kunft erfüllt wird, wo nur einzelne stabile Bettelweiber als dunklere Staffage für den 
Glanz des Reichtums erscheinen, wo die tyrannische Uhr der Akademie alle Turm-, 
Cylinder- und Spindeluhren der Residenz mit ihrem unerbittlichen Pendel beherrscht — 
dort an jener Perspektive ist Kranzlers Konditorei. Wer hörte von Kranzler und dächte 
nicht an Eis; und wer äße in Berlin Eis und gehörte nicht zur feinen Welt! Bei Kranzler 
sieht man die feine Welt, die sich von der Abgeschiedenheit der Rittergüter erholt; die 
Strudel- und Prudelwitze, die Bonvivants, die ihre Zeit bis zum Diner bei Maeder 
ausfüllen wollen; die Galans, die ihre Schönen regalieren, und die Fremden, die Kranz-— 
lersches Eis essen müssen, um von den Herrlichkeiten der Residenz erzählen zu können. 
Auch an zärtlichen Intriguen, an romantischen Abenteuern fehlt es nicht. Jener dunkel— 
iugigen Juno ist es gelungen, den milchbärtigen Majoratsherrn neben ihr zu fesseln; 
hald ist ein Rendezvous für den Abend an der Bildsäule des Großen Kurfürsten ver— 
abredet. Aber der Majoratsherr aus der Provinz hat nur flüchtig gehört und ist in 
Berlin zu unerfahren, um den Standort des Großen Kurfursten zu kennen, zu sehr mit 
der Zeit vorgeschritten, um an eine weitere Statue als an die des großen Friedrich zu 
denken. Während er am Abend zähneklappernd unter den Hufen des Schwerinschen 
Streitrosses Wache hält, hat schon ein anderer Ritter die Schöne von dem Broncefels 
erlöst, an welchem sie neben den vier gefesselten Sklaven an der Kette der Liebe schmach— 
tete. So geht es, wenn man Majoratsherr, aber in der Historie oder in Berlins Topo— 
zraphie ein Stümper ist.“ 
Und nun habe der Antisemit das Wort: „Es ist Sommerabend, die Rampe bei Kranzler 
zedrängt voll. Keiner der hier aneinander gepreßten Gäste vermag den Ellbogen zu 
rühren. Die Atmosphäre ist mit Staub geschwängert, die alten verdrießlichen Linden 
sind grau und mit einer dichten Staublage bedeckt; die Sonne geht hinter dem Branden⸗ 
burger Tor unter und broneiert den schwarzen Siegeswagen. Vor uns bewegt sich das 
hunteste Diorama: die Promenade beginnt allmälig; Berlin erholt sich von des Ta— 
zes Last. Was wir um uns her auf der Rampe sprechen hören, die ganze Unterhaltung 
unsrer Nachbarn rechts und links ist charadenhaft für den Unbefangenen, abgebrochen 
und unverständlich; es ist die jüdische Börsensprache, eine Art Rotwelsch. Wir können 
uns nicht verheimlichen, daß wir hier vorzugsweise von den Bekennern der herrschen⸗ 
den Landesreligion umgeben sind. Es gibt Abende unter den Linden, lieber Leser, an 
welchen du stundenlang hier auf der Rampe sitzen kannst, ohne daß dir ein christliches 
Gesicht auffiele. Warum es die Juden übel nehmen, wenn man von ihrem Übergewicht 
in Berlin redet, ich weiß es nicht; sie selbst müssen es besser wissen. Ich käme lieber 
mit manchem ehrlichen Juden in einen Himmel als mit so manchem schoflen Christen. 
Statistiker wollen sogar behaupten, daß das Christentum überhaupt in Berlin aus— 
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