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Die Linden

Full text: Berlin im Wandel der Zeiten / Krieger, Bogdan (Public Domain)

Die Linden. 
2 Mewundert viel und viel gescholten.“ Diese Worte Helenas aus dem Faust glaubt 
— Kastan in seiner mehrfach zitierten Schilderung von „Berlin wie es war“ auf 
die Linden anwenden zu sollen. Ich meine zu Unrecht, zumal wenn er hinzufügt 
„gescholten vielleicht noch mehr als bewundert“. Zu Unrecht insbesondere, wenn man die 
etzten Jahre nach der Revolution ausschaltet, in denen nicht nur die Linden, sondern ganz 
Berlin charakterlos und unvornehmen geworden ist. An die Monate lang am Rande der 
Mittelpromenade herumliegenden zerrissenen Drahtverhaue, an die infolge von Streiks und 
Beldmangel im Vergleich mit vielen anderen Städten Deutschlands überhandnehmende 
Unsauberkeit der einst als sauberste Stadt der Welt gepriesenen Residenz und an die Verun— 
staltung der Häuser durch wirkungslose, zerrissene Plakate darf man allerdings nicht denken, 
venn man den Widerspruch gegen Kastans Urteil aufrechterhalten will. Insbesondere 
können wir, die wir die Entwicklung Berlins nur bis zu der Zeit schildern wollen, da es in 
die Reihe der Weltstädte eintrat, doch erheblich mehr Lobendes über Berlin hören als 
Tadel und Schelten. Heimatgefühl und nationaler Stolz lassen uns über manche Nüchtern- 
heit des architektonischen Bildes hinwegsehen. Für uns sind die Linden unsere Ehren- und 
Siegesstraße, die Erinnerungsstätte erhebenden vaterländischen Erlebens, die Zeugen 
eines trotz vorübergehender Rückläufigkeit zielbewußten Aufstiegs. 
Es wurde bereits bei der Schilderung der ersten, von der Schloßbrücke bis zum 
Denkmal Friedrichs des Großen reichenden Linden-Allee darauf hingewiesen, daß die 
Anlage des neuen mit Linden bepflanzten Straßenzuges in die siebziger Jahre des 
17. Jahrhunderts zu verlegen ist und mit der Bebauung der Dorotheenstadt zusammen⸗ 
fällt. Ihre nördliche Seite, „Die erste Reihe“, wie man sie anfänglich nannte, wurde 
zuerst bebaut, gleichzeitig mit der Mittel- und Letzten-, der späteren Dorotheenstraße. 
Diese drei gleichlaufenden Straßen sind auf dem Schultzschen Plan von 1688 deutlich 
erkennbar. (Vgl. das Bild S. 105.) Die vom Großen Kurfürsten angelegte Linden-Allee 
reichte nur bis zur Höhe der Schadowstraße, wo sie an die die Dorotheenstadt umschließende, 
erweiterte Befestigung stieß. Eine Brücke führte dort über den Wallgraben in den Tier—⸗ 
zarten. In seiner perspektivisch verkürzten Zeichnung der Linden-Allee von 1691 nennt sie 
Stridbeck fälschlich ‚, Die Potsdamer“. Schultz zeichnet sie ein, gibt aber auf der Erläute— 
rungstafel keinen Namen dafür. Wir wollen sie ihrer Lage entsprechend die Tiergartenbrücke
	        
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