Zentralblatt der Bauverwaltung.
Nr. 102.
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Abb. 3, Schaiibild des 1827 geplanten Neuquartiers von Mülhausen i. E. (Entwurf der Architekten Stolz u. Fries.)
des Nikolaus Köchlin war, einer mit Bestimmtheit zu erwartenden
Wohnungsknappheit rechtzeitig vorzubeugen, aber dieser so zu begegnen,
daß das Gemeinwesen als solches in gleicher Weise ästhetische,
hygienische, soziale und allgemein-wirtschaftliche Vorteile daraus zog.
Es macht sogar den Eindruck, als wenn ästhetische Erwägungen in
erster Linie mit maßgebend gewesen seien: Jedenfalls läßt der Einführungssatz
der sachlichen Erörterungen der Urkunde — sie beginnt mit
den Worten: „Frappe de la disproportion des bätiments, que possede.
la ville ..." —- hierauf mit einiger Sicherheit schließen. Daß diese
ästhetischen Erwägungen auch in den zur Ausführung beschlossenen
Plänen greifbare Gestalt angenommen haben, ist aus den Abbildungen
erkennbar. Persönliches über die entwerfenden Architekten war bei
der durch den Felddienst beschränkten Arbeitsgelegenheit nicht zu
ermitteln. Die Entwürfe sind unterzeichnet von den Architekten
I. G, Stolz und Felix Fries, die der gestellten Aufgabe, die ja im
einzelnen die obige Urkunde feststellt, durchaus befriedigend gerecht
wurden.
Der Verlauf der alten vorhandenen Straßenzüge nach Basel,
Riedisheim und Altkirch wurde bei der Planung, wie der Grundriß
(Abb. 2) erkennen läßt, in genügendem Umfange berücksichtigt, ohne
daß man sich etwa ängstlich an die geringe vorhandene Bebauung
und die sonst vorhandenen unwesentlichen Verbindungswege gebunden
erachtete. Die Linienführung der Grundanlage wurde vielmehr in
der Hauptsache durch zwei schon vorhandene Anlagen bestimmt:
Einmal durch die alte Stadt mit ihren festen Toren und dann durch
den damals im Bau befindlichen Rhein-Rhone-Kanal. Die Stadterweiterung
mußte sich einmal natürlich an die alte von Wall und
Graben umgebene Stadt anlehnen, so daß sie sich zum „Centre d ; une
gründe activite“ selbst für die Altstadt entwickeln konnte, und mußte
anderseits dem Wirtschaftsverkehr, der auf dem Kanal erwartet
wurde, fördernd entgegenzukommen suchen, um daraus wieder für
sich selbst und für die Altstadt Vorteile zu gewinnen.
Für die Erschließung des neuen Viertels von der alten Stadt her,
kam in der Hauptsache das alte Basler Tor, das von jeher vom
größten Teil des die Stadt betretenden und verlassenden Verkehrs
benutzt wurde, in Frage, Um diesen aus dem Basler Tor zum
Neuen-Quartier fließenden Verkehr sofort in mehrere Adern über
das Gelände zu verteilen und dadurch auch einen gleichmäßigen
Absatz aller erschlossenen Grundstücke anzubahnen, wurde ein fächerförmiges
Straßenbild an das Basler Tor angelehnt. Der durch das
Tor selbst bestimmten Hauptlinie dieses Straßenfächers wurde eine
überragende Stellung gegenüber den anderen eingeräumt. Hier wurde
ein städtbaukünstlerischer Mittelpunkt der Gesamtanlage in der Form
eines von Säulenhallen umschlossenen Dreieckplatzes angelegt. Die
durch eine Ehrenpforte in diesen Platz eingeführte Hauptachse fand
auf der Gegenseite in einem öffentlichen Gebäude (vgl. Abb. 1 u. 3) ihren
monumentalen Abschluß. Das öffentliche Gebäude selbst wurde aus
der Gleichmäßigkeit der architektonischen Platzwandung unaufdringlich
durch reicheren Schmuck am Mittelbau herausgehoben. Seine Zweckbestimmung
war bei Erbauung des Hauses späterer.Entschließung
Vorbehalten; jetzt birgt das Gebäude die Geschäftsräume der Börse
und der Industriellen Gesellschaft.
Ein zweiter Mittelpunkt wirtschaftlichen Lehens war am Rhein-Rhone-Kanal
zu schaffen und fand hier in einer regelmäßig gestalteten,
von Speicherbauten an den raumbildenden Ecken gefaßten Hafenanlage
eine glückliche Lösung. Die Verbindung dieses neuen Hafens
mit der Altstadt ist übersichtlich gedacht, aber in dieser Form
später leider nicht ausgeführt worden. So war ein dreifacher Anschluß
des Hafenplatzes an die Altstadt geplant: Die Hauptlinie für den
Verkehr führte vom Basler Tor an dem Dreieckplatz vorbei fast
tangential in die eine Schmalwandung des Hafenplatzes: in die
andere Schmalseite mündete eine durch Platzanlagen mehrfach rhythmisch
geteilte zweite Straßenlinie, die sich nach der Altstadt verlängern',
die mittelalterliche Stadtumwallung überwinden und zum
..Eintrachtsplatz“ ins Stadtinnere 4 ) führen sollte; die dritte Verbindung
des Hafens mit der Altstadt sollte durch einen geradlinigen
Straßenzug nach dem Spiegeltbr (Porte du miroir) geschaffen werden.
— So sollte der Hafen in natürliche Beziehungen zu allen Teilen
der Altstadt gebracht, keine geschaffene Verbindung überlastet oder
bevorzugt, und Altes und Neues zu einheitlichem Ganzen zusammengeschweißt
werden.
Dieser unter Leitung des Nikolaus Köchlin aufgestellte großzügige
Plan wurde nur auf dem der Gesellschaft gehörigen, auf der Abb. 2
dunkler gestricheltem Gelände sofort in Angriff genommen und zur
Ausführung gebracht. Des übrigen Geländes, dessen Erwerbung die
Gesellschaft zwar ursprünglich beabsichtigt aber nicht rechtzeitig
durchgeführt hatte, bemächtigte sich frühzeitig die Spekulation. Sie
verhinderte, »wie Köcblin befürchtet hate, die einheitliche Durchführung
des Gesamtplanes. Der heutige Stadtplan läßt deutlich erkennen,
was die Stadt M&lhausen einerseits ihrem Daniel Köchlin verdankt,
was sie aber auch anderseits durch Aufgabe seines Planes -ah der
Gesamterscheinung der Stadt gesündigt hat.
4 ) Auch ein Anschluß dieses neuen Straßenzuges an den alten
Markt mtt Hilfe eines weiteren Durchbruchs in der Altstadt wurden
zur Erwägung gestellt.