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Volume No. 8, 25. Februar 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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Astronomie, sie will einen hoͤhern Zweck erreichen. Es ist 
adelnswerther Mißbrauch, wenn man die Beantwortung von 
Fragen uͤber weltliche Dinge in ihr sucht. Jo sua wuͤnschte 
die Verlaͤngerung des Tages. Gott erhoͤrte seinen Wunsch. 
Wie? das war hier nicht zu untersuchen. — Die Waͤch⸗ 
der der heiligen Schrift machen aus einer Muͤcke einen 
Elephanten. “ 
Die Greuelscenen gegen die Protestanten in Steyer⸗ 
nark (wo Keppler eine reiche Frau geheirathet hatte), 
welche die in der Stuttgarter Manuseripten⸗Sammlung 
vorgefundenen Briefe aufgedeckt haben, wurden von den gleich⸗ 
eitigen Schriftstellern verschwiegen. Waͤren sie bekannt ge⸗ 
wvesen, so wuͤrde Schiller in seiner Geschichte des Ib jaͤhri⸗ 
gen Krieges nicht gesagt haben: ohne Geraͤusch, ja man 
darf sagen, ohne Grausamkeit unterdruͤckte Ferdinand den 
zrotestantischen Gottesdienst, und Caroline Pichler wuͤrde 
schwerlich diesen Glaubens⸗Tyrannen besungen haben. 
Die Angriffe auf den lutherischen Keppler und die 
Beguͤnstigungen des gelehrten Keppler von Seiten der 
Jesuiten dauerten sein ganzes Leben fort. Gerade damals 
atte der Jesuiten⸗General Aquaviva bei den Papst Gre⸗ 
gor VIII. fuͤr seinen Orden die Gewalt ausgewirkt, wichtigen 
Personen zu erlauben, den Ketzereien oͤffentlich anzuhaͤngen und 
heimlich sich zur katholischen Kirche zu bekennen. Die Je⸗ 
uiten glaubten Keppler an seiner schwachen Seite, an sei⸗ 
nem Enthusiasmus fuͤr die Astronomie gefaßt zu haben; aber 
seine Anhaͤnglichkeit an seinen Glauben war noch groͤßer, als 
die an die Sternkunde. Er schrieb an Maͤstlin: „Ich 
haͤtte nicht geglaubt, daß in eben dem Grade, in welchem die 
Verfolgung steigt, die Freudigkeit zunimmt. Hierdurch wird 
es begreiflich, daß es leicht ist, fuͤr die Religion zu sterben. 
Ich mische Suͤßes mit Bitterem.“ Die theelogische Facul⸗ 
aͤt zu Tuͤbingen, welche sich durch Verfechtung der 
Augsburg ischen Confession auszeichnete, verschloß dem we⸗ 
gen eben dieses Glaubensbekenntnisses Verfolgten die Thuͤr 
seines Vaterlandes mit unerbittlicher Haͤrte und brachte Wuͤr⸗ 
temberg um den Ruhm, daß dieser sein großer Angehoͤri⸗ 
ger das Feld der Wissenschaften unter seinem Schutze erwei⸗ 
tert habe, bloß weil er nicht allen ihren Grundsaͤtzen bei⸗ 
oflichtete. Der Fanatismus machte die Vernunft verstum⸗ 
wen und erstickte alle menschlichen Gefuͤhle. Es ist Leib und 
Seele verzehrend, sagt der ehrwuͤrdige Plank in seiner Ge⸗ 
chichte des protestantischen Lehrbegriffs, uͤberall den Bessern, 
den Sanften, den Aufgeklaͤrten verfolgt zu sehen ).. 
Im Jahr 1607 beobachtete Keppler (seit Tych o 
Brahe's Tode, 1601, der Roͤmisch⸗Kaiserlichen Majestaͤt 
Mathematikus in Prag) jenen merkwuͤrdigen Kometen, 
—⸗ i 
— «) Ging's denn dem Herrn und Meister Jesus Christus anders? Das 
Ann und wird auf Erden, nach seiner Verhtißung, auch nie anders sein. 
welcher in den Jahren 1682 (wo ihn Haley beobachtete) 
aund 1758 wiederkehrte, und welchen der Leser, falls ihm Gott 
das Leben schenkt, im Jahr 1634 wiederum am Himmel se⸗ 
hen wird. Keppler schrieb uͤber ihn Lateinisch und Deutsch. 
In letzterer Schrift heißt es: Es kann aber ein Mathema-⸗ 
ikus eines Kometen Specialbedeutung nicht wissen. 
Bleichwie es zugehet, wenn ein Junggesell auf der Gasse zu 
Nacht eine Musik haͤlt, hoͤren solcher zwar viele Jungfrauen 
zu, aber keine weiß, welcher der Musikant etwas Gutes an⸗ 
jeigt, als nur Eine. Kann wohl sein, daß ihrer mehrere 
ich falsche Einbildungen machen.“ — Eine vortreffliche Re⸗ 
rension aller Schriften uͤber die Bedeutung der Kometen. 
Als Hof⸗Astronom war Keppler verpflichtet, nicht al⸗ 
lein jede Begebenheit am Sternenhimmel dem Kaiser anzu⸗ 
zeigen, sondern auch sich uͤber ihre Bedeutsamkeit zu aͤußern. 
Aus diesem astrologischen Frohndienst kam er nie. Keppler 
durfte diese Berichte nicht unterlassen, wenn er nicht die Ge⸗ 
legenheit, die Kaiserliche Sternwarte zu seinen astronomischen 
Forschungen zu benutzen, verlieren wollte. Dieses gab er dem 
Publikum auf eine feine Weise zu verstehen, indem er dieje⸗ 
aigen, welche die Astrologie ganz verwarfen, in einer Schrift: 
„Tertius inlerveniens oder: Warnung an etliche Theologos, 
Medicos, Philosophos, daß sie mit billiger Verwerfung des 
ternguckerischen Aberglaubens das Kind nicht mit dem Bade 
ausschuͤtten,“ 1610 also anredete: „Ihr allzukluge Philo⸗ 
sophen tadelt diese Tochter der Astronomie uͤber die Gebuͤhr. 
Wisset ihr denn nicht, daß sie ihre Mutter mit ihren Reizen 
ernaͤhren muß? Wie viel Weise wuͤrden vermoͤgend sein, der 
Astronomie obzuliegen, wenn die Menschen nicht die Hoff—⸗ 
aung haͤtten, die Zukunft am Himmel zu lesen?“ — 9 
Beschluß folgt.) 
Zur Antwoert. 
Dem geehrten Herrn Frager auf der letzten Seite der 
zten Nr. des Berlinischen Zuschauers wenigstens auf eine 
der mancherlei dort aufgestellten Fragen mit freundlicher Ant⸗ 
wort zu dienen, wird bemerkt, daß im neuen Hospitale, mit 
venigen durch besondere Krankheits⸗Zustaͤnde bedingten Aus⸗ 
nahmen, nur hochbetagte Personen beiderlei Geschlechts ver⸗ 
oflegt werden (so daß 60 Jahre verhaͤltnißmaͤßig fuͤr ein 
Juͤnglingsalter gelten koͤnnen), welche uͤberdies noch meistens 
nit andern Gebrechen und Schwaͤchen behaftet sind, als ho⸗ 
hes Alter schon an und fuͤr sich mitbringt; und daß ihnen 
— außer der noͤthigen Waͤrme, Reinlichkeit, Krankenpflege — 
aur die Bekoͤstigung gewaͤhrt wird, welche nach aͤrztlichem 
tα 
) Dafur ist jeßt durch die Akademieen der Wissenschaften und die reich⸗ 
icher dotirten Universitaͤten gesorgt.
	        
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