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Volume No. 52, 29. Dezember 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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bemerkte, den echten Deutschen Patriotismus ) zu inocu⸗ 
liren. Den Begriff des einigen Deutschlands schien er auch 
aͤber Erwarten schnell zu fassen, wenigstens glaubte ich dieses 
aus seinen Worten schließen zu duͤrfen. 
„Dat is mich man all parti ejahl, Heß oder Preuß, 
Oesterreicher oder Sachs, wenn man die verfluchten Berliner 
nich waͤren, die meenen, sie koͤnnten Alles besser machen; 
und Unser Eener, wenn er booch man aus 'n Flecken is, 
weeß ooch, wo Bartel den Moost holen thut.“ 
Ich ruͤckte allmaͤhlig nun meinem Zwecke naͤher, sing an 
von Freiheit und Gleichheit zu reden, von der Nothwendig⸗ 
keit, daß dem Spruche der Bibel zufolge die Hohen ernie⸗ 
drigt, die Niedern erhoͤht wuͤrden. Er faßte das Alles ganz 
vortrefflich, und ich brachte ihn auf Socratische Methode so 
weit, daß er selbst ausries: 
„Und dann machen wir ene Revolution, und dann jagen 
wir den Herzog weg, und dann sind wir janz freie Leute 
und bezahlen janz und jar kerne Abgaben mehr!“ 
Es war unglaublich, wie schnell der Mensch mich gefaßt 
hatte, wenn gleich seine Ansichten aus mangelnder Bildung 
sich etwas egoistisch und roh aussprachen. Eben wollte ich 
ihm auseinander setzen, wie viel wichtige geistige Interessen 
hierdurch gefoͤrdert wuͤrden, als er nach einigem Nachsinnen 
in die Worte ausbrach: 
„Aber dat Ehrste, woruf ich en Andrag machen thue, 
dat is, dat die verdammte Jewerbfreiheit ufhoͤren muß H, 
und dat die unehelichen Kinder keene Meister werden, und 
die Altflicker partuttement keene neue Arbeet machen duͤrfen.“ 
„Elende Seele!“ rief ich voller Ingrimm aus. — „Also 
um Deines schnoͤden Vortheils willen wuͤnschest Du nur die 
Veraͤnderung? Schaͤmst Du Dich nicht der Frechheit, womit 
Du dieses nur zu bekennen wagst? — Pfui, in welche schlechte 
Gesellschaft bin ich gerathen!“ 
) Der Jenenser meint die, Gottlob! üuberstandene, jedenfalls außer Cours 
and Sachfrage gekommene Art, wo es vornehmlich auf lange Haare, kurzen 
schwarzen Rock und Franzosenhaß ankam, und dieser als gleich bedeutend mit 
Baterlandsliebe galt. Sinẽ 
*) Einen ziemlich darauf ausgehbenden Antrag hat in der Baierischen Staͤnde⸗ 
Bersammlung der erste rechtskundige Bürgermeister der Kreit⸗ Hauptstadt Bah⸗ 
reuth und Abgeordnete zu der gedachten Versammlung, Herr E. C. Hagen, am 
2L. Juni 1831 gemacht, und auf mehrfach erhaltene Aufforderungen unter dem 
Titel: „ueber das Gewerbswesen in Baiern“, drucken lassen. (Bay⸗ 
reuth, bei Grau 1832. 142 S. 8.) Das Buch wird jedenfalis auch dier viel 
zelesen und studirt werden. Darüber wird überall nur eine Stimme sein, daß 
der Berfasser in dem Vorworte Recht habe, zu wunschen: „Möge die Zeit 
auch in dieser wichtigen Angelegenheit den Konflikt der Meinungen in ruhigem 
and desonnenem Wege der Reform baldigst zur allgemeinen Zufriedenheit aub⸗ 
zleichen!““ Allein, ob dieses Ziel durch ein juste milien-System zwischen 
Bewerbe⸗ Freiheit und Gewerbzwang, wie solches der Verfasser vorschlägt, jemals 
u erreichen moͤglich ist, moͤchte vieien erheblichen Zweifeln unterliegen. Der Ber⸗ 
inische Zuschauer kommt nicht nach Bahreuth; wäre es der Fall, so haͤtten wir 
zewünscht, daß der Herr — den Aufsat in Nr. 24 desselben, S. 187, 
der Prufung werth geachtet, und nicht etwa bloß die Schrift des Herrn ꝛc. L. Blesson 
als den Ausdrud der hiesigen Wunsche in dieser Hinsicht betrachtet hatte. 
FSintf. 
Wahrscheinlich haͤtte ich so noch eine Zeit laug sortge⸗ 
fahren, wenn der Geselle andere eben so viele Geduld zum 
Zuhodͤren, wie ich Lust zum Reden, besessen; aber das war 
diesesmal nicht der Fall. Ploͤtzlich naͤmlich schwang er seinen 
dicken eisenbeschlagenen Stachelknittel uͤber mir, nahm eine 
drohende Stellung an, und sprach 
„Nu hab' ich genug; wenn Er nich gleich macht, dat 
he fort kommt, so schlag' ick ihm seinen verruͤckten Hirnkasten 
in Stuͤcken. Am Ende muß he wol selber en Bankert von 
enem Altflicker sein; macht der Kerl sich keen Gewissen draus, 
alle Potentaten und Landesherrn en guten Kopf kleener zu 
machen, und faͤngt en Jeschrei, ick weeß nich wie, an, wenn 
man de Bissel an die Altflicker und an die unchelichen Kinder 
ruͤhren will“ 
Unwillkuͤhrlich und eiligst verließ ich den Gesellen, und 
nahm mir fest vor, die Botschaft von Freiheit und Gleich⸗ 
heit nicht mehr ohne Unterschied von den Daͤchern zu predigen. 
In viel spaͤterer Zeit, als ich schwer dafuͤr buͤßte, daß 
jene Lection des Schuster⸗Gesellen mich nicht vom Prose⸗ 
lytenmachen zuruͤckgebracht hatte, im Gefaͤngnisse las ich Cla⸗ 
rendons Beschreibung der buͤrgerlichen Unruhen in England, 
und fand daselbst folgende Bemerkung: 
„Es ist eine Stimmung im Menschen, deren er sich nicht 
allemal bewußt wird, der Hang, alle hoͤher stehenden socia⸗ 
jen Unterscheidungen bis zu sich herab zu ziehen, und den⸗ 
noch gleichzeitig mit Strenge daruͤber zu wachen, daß die 
aunter ihm beibehalten werden ·“··· 
Die Richtigkeit dieser Bemerkung bestaͤtigt obige Erzaͤh⸗ 
lung. Wir haben sie aus Wit von Doͤrring's „Jugendleben 
und Reisen“, Leipzig 1833, entlehnt, und duͤrfen dem geneigten 
keser wohl uͤberlassen, sich die Moral daraus zu entnehmen 
Der Aufsatz in Nr. 14 dieses Blattes (S. 108) wird dabei 
treffliche Dienste thun. 
Censur und Preßfreiheit 
Unter dieser Aufschrift enthaͤlt das schon 33 Jahr' in 
Halle erscheinende patriotische Wochenblatt einen Aufsatz, der 
die Nachtheile der Preßfreiheit und die Nothwendigkeit der 
Censur in populair rechts⸗philosophischer Weise darzustellen 
zemuͤht ist. Wir muͤssen bezweifeln, daß ein Leser wahrhaft 
dadurch uͤberzeugt worden ist, er muͤßte denn schon vorher 
erkannt und begriffen haben, welches Geistes der Zeitgeist 
und welcher Weisheit die Muͤndigkeit unseres Geschlechts ist? 
Diese Leser sind leicht zu belehren uͤber den wahren Werth 
so mancher hoch gepriesenen Guͤter, welche die vom Geiste der 
Zeit Geleiteten jetzt ziemlich allgemein erstreben, und deren 
Besitze sie, als dem hoͤchsten der Guͤter, aus allen Kraͤften 
aachjagen. Diese werde alsbald zweifelhaft werden, ob die
	        
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