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Volume No. 52, 29. Dezember 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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—XXL 
Wenn es rechte Zeit wird sein, 
Daß ich ferner meine Sachen 
Richte Dir zu Ehren ein. 
Oder hast Du, lieber Gott, 
Heut' bestimmet meinen Tod, 
So besehl ich Dir am Ende 
Leib' und Seel' in Deine Haͤnde. Amen. 
Wuͤrde der Menschheit. 
An Dich erging ein hoher Ruf, 
Als Gott in Dir sein Bild sich schuf. 
Du stellst zu hoch die Menschheit nie, 
Dein Schoͤpfer selbst verklaͤrte sie. 
Doch wenn Dein gottgeschaff'ner Geist 
Dir das Unendliche verheißt, 
So wurzelt, jedem Wahn zum Raube, 
Dein Herz noch tief im Erdenstaube. 
Des schwachen Menschen hoͤchste Wuͤrde 
Die fromme Demuth nur erringt, 
Bis, los von jeder Erdenbuͤrde, 
Der Geist die freien Fluͤgel schwingt. 
Die Treu«. 
Getreu zu fein bis in den Tod, 
Betreu im Gluͤck, getreu in Noth, 
Das ist des Herzens erster Ruhm, 
Der Seele hoͤchstes Heiligthum. 
Doch wollt Ihr rein und ohne Reue 
Erringen Euch den Preis der Treue, 
—A 
Ob fuͤß der Trieb, ob schwer die Pflicht. 
schͤnen Stoff zur Abwechselung und so mannigfaltige The⸗ 
matg an die Hand gaͤben, wundere er sich im Stillen, wie 
er's doch anfange, daß er in jeder Predigt, und waͤre es 
auch nur erst am Schlusse, auf diesen seinen Lieblings-Gegen⸗ 
stand hingeriethe, und wie es ihm gelingen koͤnne, das 
mmer, auch wo man es kaum vermuthet haͤtte, anzu⸗ 
knuͤpfen. I 
Hierauf antwortete Schoͤner: „Er erinnere sich, ein⸗ 
mal von einem Pfarrer gelesen zu haben, welcher auch in 
jeder Predigt, deren er viele hielt, den Weg des Lebens, das 
den Suͤndern in Christo dargebotene Heil verkuͤndigte, und 
vor dem Wege des Todes und der Hoͤlle warnte. „„Denn,““ 
—D— 
die entweder ich halte, oder der eine und der andere viel⸗ 
leicht seinem Abscheiden nahe Mensch, aus meiner Gemeinde 
hoͤrte. Da will ich denn nicht die letzte Gelegenheit versaͤu⸗ 
men, den Suͤnder zur Buße zu wecken und auf Jesum 
Thristum hinzuweisen, damit nicht eine der mir von Gott be⸗ 
fohlenen Seelen mich dereinst vor seinem Richterstuhle ver⸗ 
lagen und sagen koͤnne, ich war einst, ich war das letzte 
Mal in deiner Predigt, mit der stillen Frage in meinem 
Herzen: Was soll ich thun, daß ich selig werde? Aber Du 
hast mir diese Frage nicht beantwortet.“““ „Diese Worte,“ 
fuhr der alte Schoͤner fort, „habe ich mir zu Herzen ge⸗ 
aommen und thue auch nach ihnen; ich knuͤpfe nicht, wie 
DSie sagten, an jede Predigt den Grundstein des Christen⸗ 
glaubens nur gelegentlich an, sondern auf ihn sind alle meine 
Ermahnungen und Belehrungen an die Gemeinde gegruͤndet 
und auferbaut. Man sagt von manchen Menschen, die immer 
rRecht haben wollen: sie muͤßten immer das letzte Wort be⸗ 
halten. Ich aber will wenigstens thun, was in meinen Kraͤf⸗ 
ten steht, um zu bewirken, daß der, welcher allein Recht 
hat, noch das letzte Wort an das Herz und Ohr des sterben⸗ 
den Suͤnders behalte. Denn man darf nur an's Sterbebette 
gehen, da wird man lernen, was am Ende der letzte Stachel 
— 
Der vornehme Herr schwieg nachdenkend, und wurde 
seitdem oͤfter und viel aufmerksamer in Schoͤner's Predig⸗ 
ten gesehen. 
Das letzte Wort. 
Ein vornehmer Herr, welcher mit dem seligen Pfarrer 
Sehoͤner in Nuͤrnberg in einer Gesellschaft zusammen traf, 
erzaͤhlte dem Pfarrer, daß er selber, wenn er Zeit haͤtte, 
auch zuweilen in seine Predigten kaͤme. An diesen sei ihm 
aber Eines besonders auffallend, daß naͤmlich diese Predig⸗ 
ten so viele Jahre hin immer nur einen Haupt⸗ Inhalt haͤt⸗ 
ten, immer und in jeder spraͤche er von der Suͤndhaftigkeit 
und dem natuͤrlichen Elend des Menschen und von der Er⸗ 
hoͤsung durch Christum. Da die Evangelien und Cpisteln so 
Die Franzosen, wenn sie ausdruͤcken wollen, wie gut sich 
Jemand geschlagen habe, sagen: Ds'est baitu comme un 
lion. Der Englaͤnder sagt bei der naͤmlichen Gelegenheit: 
To sight like a man. J 
Es liegt mehr Phantasie in jener Redensart, aber mehr 
Selbstgefuͤhl in diesetr. — Wenn ein Englaͤnder einem Weg⸗ 
gehenden noch etwas zu sagen hat, so rust er ihm nach: 
Franzosen und Englaͤnder.
	        
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