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Volume No. 45, 10. November 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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ist wuͤste, das Herz bebt weinerlich, die Glieder zittern. Er 
sieht um sich, und sein zerruͤttetes Nerven⸗System lechzt nach 
ainer Erfrischung durch Spiritus. Es ist ihm so, als waͤre 
es ihm ein aufrichtiger Ernst, nur so viel zu trinken, als er 
nothduͤrftig braucht, um seine Berufsgeschaͤfte zu besorgen. 
Er trinkt, und das · Zittern der Glieder schwindet sogleich. 
Er wird heiterer, und bittet wohl die Seinigen stumm oder 
mit Worten und Thraͤnen um Vergebung. Verfuͤhrte ihn 
aun vorher der Truͤbsinn zum Trinken, so hat er nun in der 
beginnenden Heiterkeit einen neuen Feind. Jetzt waͤre naͤm⸗ 
lich der Moment eingetreten, wo er den Rest urspruͤnglicher 
Traͤgheit des Willens seldstthaͤtig beseitigen koͤnnte und sollte; 
aAllein dieses laͤßt der boͤse Wille noch nicht zu. Die Traͤgheit 
—VV— Spiritus. Jetzt regt 
sich das Gewissen. Es warnt oft laut genug und verkuͤndigt 
m Voraus, daß in dem Trinken des naͤchsten Glases noch 
das Trinken von vielen andern nothwendig gesetzt sei, und 
daß also mit dem naͤchsten Glase die Freiheit auch fuͤr diesen 
Tag verloren gehen enuͤsse. Er trinkt aber doch, und nun 
ist er auch fuͤr diesen Tag verloren. Jetzt tritt er, noch vor 
wenig Sekunden ganz kleinlaut, mit Kuͤhnheit hervor, stuͤrzt 
in aller Eil noch einigen Schnapps hinab, um dadurch den 
letzten Rest von Rechtsgefuͤhl hinweg zu schwemmen, und 
mun schlaͤgt er deklamirend an die Brust, vertheidigt mit Feuer 
— — ihn 
mehr in Wuth versetzen, als die Versicherung, daß er betrun⸗ 
ken sei, auch dann, wenn ein Bekannter sie zu seiner Ent⸗ 
schuldigung gebraucht. Dabei saͤuft er nun in Einem fort, 
is er aufs Neue wie ein Vieh im eigenen Unslate lieat. 
Zur Tagesgeschicht e. 
Von einem Leser des Zuschauers.) 
Der Regierungs, und Medizinal-Rath a. O., Herr Dr. 
K. G. Neumann, hat im Verlage von J. A. Mayer (Achen 
and Leipzig) „gemeinnuͤtzige und unterhaltende Rheinische Pro⸗ 
oinzialblaͤtter“ herauszugeben angefangen. In dem ersten Auf⸗ 
latz des ersten Heftes laͤßt er einen Preußen unter Anderem 
sagen: „Er wird der im Finstern schleichenden Pest des Pietis⸗ 
nus den Damm der Verachtung⸗ entgegen zu setzen wissen, der 
zung Branntwein gegeben; GKeinem wird ein Trinkgeld gegeben; 7) jedes 
Mitglied nimmt Verfonen der dienenden Klasse, die dem Maͤßigkeits ⸗Bereine 
reigetreten ũnd, vorzugseweist in seinen Dienst, wenn es ihnen auch an son⸗ 
iger Ansteliigkeit etwas mangeln moͤchte; 8) jedes Mitglied vervflichtet sich, eine 
hicliche Gelegenheit zu benußen, um alle feine Umgebungen, zumal die Jugend, 
ni das Brutalistrende und die zahllosen Nachtheile des Branntweintrinkens, und 
auf die Herrlichkeit der Enthaltsamkeit davon aufmerkfam zu machen, und so 
die Sffentuiche Meinung für den Verein zu gewinnen, damit das Brauntwein⸗ 
rinken als etwas Beschimpfendes angesehen werde. — 
nlie Formalitaͤten und finanziellen Nebensachen der gegenwuͤrtig so haͤufigen 
Bereine, J. B. Wahl der Praͤsidenten, Secretaire, Schahmeister, Bestimmung 
ines Geldbeitrags u. s. w., fauen bei unserem ersten und ernsten Vereine, der 
mur durch den Zwang des Gewissens gebunden fein soll, ganzich weg.“ 
Pest, die zum Wahnsinn fuͤhrt, der die heiligsten Bande aufloͤst, 
listige Betruͤger zum Herrn der Betrogenen macht, und diese 
Betrogenen, wenn der Zauber schwindet, in Betruͤger umschafft. 
Leider haben diese Feinde Gottes und der Menschen, die im 
Namen Gottes luͤgen, im Vaterlande Eingang gefunden, aber 
es ist zu gesund, als daß es diesen Peststoff nicht auswerfen 
ollte, der auf den Verstand wirkt, wie die Cholera“) auf 
den Koͤrper.“ — Nun sieht der Leser gleich, wie er mit dem 
hier wohlbekannten Herrn Dr. N. daran ist. Uns ist dabei 
cine Stelle aus der groͤßeren Apol. Justin des Maͤrtyrers 5, 
10 eingefallen: „Wie viel muͤßte die Welt dabei gewinnen, 
wenn die Christus⸗Lehre allgemein angenommen, und ihre 
Wirkungen nicht durch die Bosheit der Daͤmonen gehemmt 
wuͤrde“ ⸗·⸗ 
Das menschliche Leben“ — sagen die Simonisten, und 
denken Viele, die es nicht sind und sein wollen — „ist an 
den Plankten geknuͤpft, den wir bewohnen. Der Gegenstand 
des menschlichen Strebens ist also die Benutzung und Ver⸗ 
schoͤnerung unseres Weltkoͤrpers; unsere Bestimmung, gluͤcklich 
ju sein (bonheur), und das ist ber Mensch dann, wenn er nach 
seiner Neigung (gout) leben kaun.“ Das ist der Eudamoͤnis⸗ 
mus eines Epikur, der die Anspruͤche des menschlichen Herzens 
nicht zu befriedigen vermag, und bei aller aͤußeren Fuͤlle den 
Menschen in eine wuͤste Leere bringt. „Da das Gluͤck des 
Menschen“, nach der Lehre der Simonisten, wie Vieler, die 
den Namen nicht moͤgen, aber in der Sache uͤbereinstimmend 
denken, „einzig durch aͤußeren Reichthum (— freilich ein 
Mittel à son gout zu leben —) herbeigefuͤhrt wird, so hat 
Zeder seine Kraͤfte ausschließlich auf Kuͤnste, Wissenschaften 
und Industrie zu verwenden.“ Diese Lehre ist demnach den 
Muͤßiggaͤngern nicht hold; aber weißt Du, lieber Leser, 
aicht, daß auch der Christ ihn verwirft, weil Muͤßiggang viel 
Boͤses lehrt (Sir. 33, 29), und wir Christen angewiesen sind, 
mit stillem Wesen zu arbeiten, auf daß wir unser eigen Brod 
essen koͤnnen? (2. Thess. 3, 10 - 42.) Waͤhrend aber das 
Christenthum Kunst, Wissenschaft und Gewerbfleiß nur als Mit⸗ 
rel zur Vergeistigung und Veredlung des Menschen schaͤtzt, be 
rachtet der Simonismus sie als die Eingangspforte zum Freu⸗ 
engarten der Sinne, worin sie sich nach Lust ergoͤtzen koͤnnen. 
Allein diese Genuͤsse, welche des neuen Magiers Simon Lehre 
der Sinnlichkeit des Menschen bietet, fuͤhren zu immer groͤ⸗ 
zerer Vernachlaͤssigung des Geistes, und animalistren unsern 
Zustand, erwecken und erhoͤhen die Furcht vor jeglicher An—⸗ 
krengung und laͤhmen die Kraft zu Allem, was Muͤhe und 
NXufopferung kostet. Es muͤßte daher das ganze Getriebe der 
Dimonistischen Industrie sehr bald in Stocken gerathen, dann 
In Amem dieser Krankheit besonders gewidmeten Artikel Nr. 18) bes 
xsten Heftes heißt es am Schlusse: „Es wird gelingen, auch dies Ungeheuer 
a vbandigen, aber ob dem Verstande, oder dem Zufall, das wird die Zukunt 
icheden Ob dergleichen wohl am Rhein gefallen mag?
	        
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