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Volume No. 42, 20. Oktober 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

Die aͤußerlich sichtbare Kreatur, in all ihrer Schoͤne, wird fuͤr 
Dich stumm und unfruchtbar sein, bis Du ihren Wink ver⸗ 
stehest und auf den Weg zu einem Inneren und Verborgenen 
wendest, das Dir vernehmlich saget, was Du selber, ohne auf 
die Kreatur allein zu achten, thun sollst, und welches Dir 
Kraͤfte giebt zu diesem Thun. (G. H. Schubert.) 
Die aufrührerische Wahrheit. 
Das paßt““, pflegt man zu sagen, „wie die Faust auf's 
Auge!“ aber zuweilen paßt sie dahin. Die aufruͤhrerische Wahr⸗ 
heit mag ich nicht (non amo veritatem seditiosam), weh⸗ 
klagte Erasmus, waͤhrend Luther sprach: Aber wenn die 
kuͤge herrscht, wie soll die Wahrheit nicht ein Auf— 
ruhr fein! — Sie haben Luther fuͤr wahnsinnig ausgege— 
den, weil er dem Teufel sein Dintenfaß an den Kopf warf. 
Aber er wußte wohl, was er that, und ein Dintenfaß ist heute 
hoch die rechte Waffe gegen den Boͤsen. und seine Diener, 
wenn es nur Spuren hinterlaͤßt, wie das von Luther'n ge⸗ 
schleuderte in seinen Werken. 
Die wahre Geduld. 
Da der beruͤhmte Philolog und Kritiker Justus Lipfius, 
der von der katholischen Kirche zur reformirten uͤber und zu 
jener zuruͤck trat, auf seinem Sterbebette (zu Loͤwen in Flan⸗ 
dern 1606) an die von ihm kraͤftig entwickelte Lehre der 
stoischen Philosophie erinnert wurde, brach er, statt der Ant⸗ 
wort, in den Seufzer aus: Herr Jesu, gieb mir christ lich e 
Vedald! — Wie Viele moͤchten gern mit ihm seufzen, haͤtte ihre 
Philosophie ihnen den Glauben an den Heren Jesum gelassen. 
2* 
* 
F 
Kreunz allein zur Demuth gebracht werden. Daß Verzagtheit 
und Demuth einander so aͤhnlich sind, wie Affe und Mensch, 
zedarf wohl keines Beweises. Vermoͤge dieser natuͤrlichen 
Ohnmacht zu allem Guten wird jeder Mensch geneigt sein, 
in solchem Leiden eine Art Ablaß fuͤr seine Suͤnden zu sehen, 
and zwar einen so reichlichen, daß er von seinen uͤberverdienst⸗ 
lichen Leiden noch an Andere abtreten kann. Dieser dem na— 
raͤrlichen Menschen unvermeidliche Irrthum, naͤmlich das 
falsche Vertrauen auf das Verdienstliche und Suͤhnende in 
vlchen Leiden, ist also das Erste, was der Christ und der 
Seelsorger bei einem solchen namenlos Leidenden in's Auge 
fassen muͤssen. Oft genug hat ein christlicher Seelsorger, Arzt 
oder Hospital⸗Curator, die Ersahrung gemacht, daß er, in 
eigener Schwachheit und geistiger Duͤrre schmachtend, zu seinem 
Kranken geht, und, durch dessen glaͤubigen Heldengeist be⸗ 
schaͤmt und himmlisch erquickt, von dieser Schaͤdelstaͤtte des 
hoͤchsten menschlichen Elends freudig und getrost unter sein 
LZreuz zuruͤckkehrt ·c· 
Ein frommer Buͤrgersmann, der den Reden einer Hell—⸗ 
seherinn zugehoͤrt hatte und um sein Urtheil befragt wurde, 
antwortete: „Die Reden der Hellseherinn sind gut, aber die 
Beeren, die der Vogelsteller bei'm Vogelfang ausstreuet, sind 
auch gut.“ Das war gut geautwortet, und verlohnt sich s wohl, 
daruͤber nachzudenken. 
Vornehme Erziehung. 
Das Kind, das sich fuͤr noch etwas mehr ansehen lernt 
als ein Kind, wird nothwendig in einem hoͤhern Alter noch 
etwas mehr zu sein glauben, als ein Mensch. 
auæ 
Kurz und gut. 
Gieb mir zu trinken, sagte Jesus zur Samariterinn. Mit 
dieser Rede aus dem gemeinen Leben faͤngt er an, und sein 
siebentes Wort ist schon: Ich bin der Messias. 
Ich bin ein nuͤtzlich Thier, genuͤgsam ohne Glanz, — 
Nicht unbewehrt, doch still sonst, zeig' ich mich Euch ganz. 
Kehrt man, nachdem man mir den Schwanß— 
Beraubt, den Leib mir um, werd' ich ein Ungeheuer 
Dem das, was gut und billig ist, doch immer noch zu theuer. 
—A 
Aus der Mappe des Zuschauers. 
Der natuͤrliche, d. h. der unbekehrte / Mensch kann durch 
große Leiden zwar an allen Gebeinen zerschlagen und zer⸗ 
hrochen, also zum glaubenslosen Verzagen, nie aber durch's 
Aufloͤsung des Logogryphs der vorigen Nummer. 
Austern — Stern. 
Redactenr und Hetausgeber? De. Karl Dielitz, Lindenstraße Nr. 119. — Im Verlage und aedruck dei A. W. Hadn⸗ 
Zimmerstraße Nr. 20.
	        
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