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Volume No. 42, 20. Oktober 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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reich; so sind sie nicht frei von Traurigkeit, aber doch sind sie 
allezeit froͤhlich ). — 
Was von den Gerechten uͤberhaupt gilt, das gilt auch 
von den Kindern, insofern sie unschuldig sind. Daß aber 
ihr Tod um deswillen, weil sie Kinder sind, nie ein Straf⸗ 
Tod sein koͤnne, ist unrichtig. Verbrecher haben den Ver⸗— 
brecher schon als Kinder in sich, und es braucht Gott nicht 
jedes mal zu warten, bis er an den Galgen kommt. Gott 
kennet ihn schon im Mutterleibe. Bisweilen ist der Tod der 
Kinder eine ganz natuͤrliche Folge der Suͤnden⸗Saat der 
Titern; denn das geistige und leibliche Verderbniß der Er⸗ 
zeugenden kam oft nichts anderes, als ephemere Geburten 
hervorbringen. Darum heißt es Ps. 21: Der Gottlosen 
Frucht wirst Du umbringen vom Erdboden und ihren Samen 
von Menschenkindern. — Daß die Kinder ost buoͤßen muͤssen 
fuͤr die That der Eltern, ist gar nicht abzuwenden, und ge⸗ 
schieht alle Tage. Und doch laͤrmt man dagegen, als wider 
tine schreckliche Ungerechtigkeit Gottes. Herr Prof. Daumer 
bringt auch die alte Einwendung wieder vor, daß die Stellen 
4. B. Mos. 14, 34. und Ezech. 18, 20. einander widerspraͤchen. 
Darum stehe hier eine alte Widerlegung von Koͤppen. 
Es kann im Wide: spruch zu sein scheinen, wenn in der Bi⸗ 
bel behauptet wird, bald: Kinder sollen tragen die 
Missethat der Vaͤrer, und bald: Der Sohn soll micht 
tragen die Missethat des Vaters. Missethat tragen 
heißt die Strafen oder Folgen der Suͤnde auf sich nehmen 
and empfinden. Diese Folgen einer Suͤnde sind nicht von 
zleicher Art; und nach diesem sehr bedeutenden Unterschied 
koͤnnen Kinder die Missethat der Vaͤter bald tragen, balb 
aicht tragen, ohne daß dies einen Widerspruch in sich faßte. 
Nach der Stelle 4. B. Mos. 14, 34. sollten die erwachsenen 
Israeliten, da sie mißtrauisch und rebellisch waren, nicht in 
Kanaan eingehen, sondern nach und nach in der Wuͤste ster⸗ 
ben, und deswegen noch 40 Jahre darinnen herumziehen. 
Diese vierzigjaͤhrige Muͤhe und Beschwerde, die mit dem 
Aufenthalt in der Wuͤsten verbunden war, mußten die Kinder 
mit empfinden; aber was diese um der Vaͤter willen mit er⸗ 
sragen mußten, war zeitliches Ungemach, das aus der Suͤnde 
der Vaͤter entsprang. Aber mit der Stelle bei Ezechiel steht 
es ganz anders. Wenn da gesagt wird: der Sohn soll nicht 
tragen die Missethat des Vaters, so ist dem V. 17 der Aus⸗ 
druck gleichbedeutend: der Sohn soll nicht sterben um seines 
) Eben fso wahr als schͤn sagt der Vers. der Mittheilungen aus 
dem Reiche in der Evangelischen Kirchen-Zeitung 1831 Nr. 86: „Die 
Seuchen, wenn sie mit verheerender Gewalt sich aufmachen, aund über Bokkter 
and Lauder dahinschreiten. sind Engel oder Boten Gottet, abgesendet, um die 
reisenden, vollwichtigen Aehren einzusammeln in die ewigen Scheuern, und die 
Trauben zu werfen in bdie Kelter des Zornets Gottet. Wie der frische Wind, 
ver um die Zeit der Ernte dem Gewitter vorhergeht. und sogleich unferer von 
der Schwüle des Tages beengten Brust wieder freien Odem giebt, so lehren ent 
Boten Gottes unfern Geif beten.“ 
Baters Missethat willen. Und von welchem Sterben oder 
Tode ist in dem ganzen Kapitel die Rede? In dem Ver⸗ 
zeichnisse der Suͤnden, um derenwillen Einer, der solche thut, 
derben soll, sind die meisten von der Art, daß eine zeitliche 
Todesstrafe niemals ist darauf gesetzt oder deswegen verhaͤngt 
vordenz Tod und Sterben sieht also, nach der gewoͤhnlichen 
urchtbaren Bedeutung in der Bibel, hinuͤber auf das Un⸗ 
zluͤck, auf die Strafen, welche in einer andern Welt die Fol⸗ 
zen der Suͤnde sein sollen. Diese Strafe der Suͤnden in 
der kuͤnftigen Welt faͤllt, des Vaterz Missethat wegen, nicht 
mit auf den Sohnz sondern in diesem Betracht heißt es 
Welche Seele suͤndiget, die soll sterben. — So weit Koͤppen 
Einst hat auch Voltaire in seinem Gedichte über das 
Ungluͤck Lissabon's vom Tode der Kinder ein Argument her⸗ 
zenommen wider die Meinung, als sei jenes Ungluͤck zur 
Strafe geschehen. Wollt Ihr, spricht er, bei'm Anblicke der 
zehaͤusten Opfer mir sagen: Gott hat Rache geuͤbt; ihr Tod 
ist der Lohn ihrer Suͤnden? Welcher Suͤnde koͤnnt denn diese 
Kinder Ihr zeihen, die an der Mutter⸗Brust zerschmettet im 
Blute Ihr sehtte 
Darauf entgegnete Maistre in seinen Gespraͤchen uͤber 
das Walten der goͤttlichen Vorsicht: „Wenn Gott irgend eine 
Besellschaft wegen der Suͤnden, die sie begangen hat, straft, 
uͤbt er auf die naͤmliche Weise Gerechtigkeit, wie wir selbst 
zisweilen sie Aben, ohne daß es Jemand einfaͤllt, daruber 
Klage zu fuͤhren. Eine Stadt empoͤrt sich; sie ermordet die 
Nepraͤsentanten des Souverains, sie schließt ihm ihre Thore, 
ie vertheidigt sich gegen ihn, ste wird genommen. Der Fuͤrst 
jaͤßt ihre Mauern schleifen, und erklaͤrt sie aller ihrer Privi⸗ 
egien verlustig. Miemand wird dieses Urtheil unter dem 
Vorwande der Unschuldigen, die in der Stadt eingeschlossen 
waren, mißbilligen. Befassen wir uns nie mit zwei Fragen 
auf einmal. Die Stadt wurde gestraft wegen ih res 
Verbrechens, Uund ohne dieses Verbrechen würde 
sie nicht gelitten haben. Das ist ein wahrer von je⸗ 
zem andern unabhaͤngiger Satz. Fragen Sie mich demnaͤchst 
Warum sind die Unschuldigen in dieselbe Strafe 
perwickelt worden? Das ist eine andere Frage, auf welche 
ich gar nicht schuldig bin, zu antworten. Ich koͤnnte ge⸗ 
dehen, daß ich das nicht begreife, ohne doch der Evidenz des 
ersten Satzes zu schaden — — — Ich zweifle uͤbrigens, ob 
Voltatre, der so schnell schrieb, es bemerkt habe, daß er, 
instatt eine auf das ihm damals beschaͤftigende Ereigniß 
zezuͤgliche besondere Frage zu behandeln, eine allgemeine 
ufwarf, und ohne es zu ahnen, fragte: Warum die 
Kinder, die noch weder ein Verdienst, noch eine 
A 
selben Uebeln unterworfen sind, welche er wach sene 
and ausgebildete Menschen treffen können 
Ja eine noch tiefer gehende Frage liegt darin, durch
	        
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