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Volume No. 36, 8. September 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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Rabbiner: dann kann Er, was Er auch sein zu sollen und 
werden zu koͤnnen vorgab, nicht sein. Er ist kein untruͤglicher 
Offenbarer des Wahrhaftigen; denn Er ist ein Mensch. Manche 
aber irren. Er ist kein sicherer Vorgaͤnger auf dem Himmels⸗ 
wege; denn er ist ein Mensch. Menschen aber straucheln. 
Er ist kein wirklicher Erloͤser von der Suͤnde; denn er ist ein 
Mensch. Menschen aber, fuͤr sich selbst der Erloͤsung beduͤrftig/ 
koͤnnen Andere keine ewige Erloͤsung bewirken. Er ist uͤber⸗ 
haupt kein zuverlaͤssiger Traͤger der moralischen Welt; denn 
Er ist ein Mensch. Menschen aber, ohnmaͤchtige, auf allen 
Seiten beschraͤnkte Kreaturen, sind nicht Inhaber des Lebens, 
sse sind nur Empfaͤnger; nicht die Pfleger des Heils, Pfleg⸗ 
linge nur sind sie, koͤnnen sie sein. Fuͤhlet dies, bitte ich, 
und verspottet Euch selbst nicht. Es ist Thorheit, Wahnsinn 
ist es, einen Menschen, der weiter nichts als ein Mensch ist, 
anzusehen als das Licht der Gedanken, als das Ziel der Wege, 
als die Quelle der Kraft, als den Fels der Ruhe, als den 
Stern der Hoffnung. Wahnsinn ist das.“ (Die Stelle diene 
jugleich zur Abfertigung des anonymen Magdeburger, der in 
einem boshaften Artikel im Leipziger Kometen! von Christo 
latrie TChristus⸗Anbetung] und von einer Apotheose des Bi⸗ 
schofs Draͤseke spricht, von welcher die Magdeburger schon 
geheilt seien u. s. w.) S. 14 wird unsere Zeit mit Recht eine 
kritische fuͤr das Himmelreich auf der Erde genannt. „Wir 
onnen nicht bruͤnstig genug beten, daß die Verhandlung ein 
gutes Ende gewinne. Fuͤr ein gutes Ende arbeiten aber nicht 
bie Verstandes⸗Menschen, die mit ihren Begriffen in dem 
Bewebe irgende welches philosophischen oder dogmatifchen Sy⸗ 
stems haͤngen; eben so wenig die Gefuͤhls-Menschen, die, mit 
Sturm und Drang, den Glauben, der ihr Herz,⸗ und ost 
aicht einmaͤl ihr Herz, sondern nur ihre Phantasie fuͤllt, der 
zanzen Welt aufzwingen wollen. Hilf Herr und Gott, daß 
der Geist Deines Sohnes, der Geist der Wahrheit, der Ge⸗ 
rechtigkeit, der Liebe, des Friedens, der Freude einziehe bei 
uns, die Herzen reglere und das Leben gestalte; daun wird 
es ein gut Ende nehmen, und mit der Frage: Wer ist 
Christus? wird zugleich die Frage: Wie steht es um 
Christus in Magdeburg? zu unserem Heil entschieden 
sein.“ — Die zweite, wo moͤglich noch koͤstlichere, Predigt 
AWber Roͤm. 1, 16. setzt ergreifend aus einander, was Paulus 
hamit sagen wollte, als er der von ihm nicht gestifteten Ge⸗ 
meinde zu Rom (woselbst es außerhalb derselben, wie zu 
kaodicea hieß; ich bin reich und habe gar satt, und bedarf 
nichts) schrieb⸗ Denn ich schaͤme mich des Evangeliums 
von Christo nicht.“ Der Leser werde durch die folgende Mit⸗ 
cheilung nur veranlaßt, sich den Genuß des Ganzen zu ver⸗ 
schassen und moͤglichst oft zu erneuern. Waͤre Paulus, statt 
rin Knecht Christi zu sein, ein Knecht der Menschen ge⸗ 
wesen: da haͤtte er entweder ein fuͤr die Roͤmer zugerichtetes, 
hrem Geschmacke angepaßtes, also verfaͤlschtet, Evangelium 
aach Rom gebracht, wenn er jemals dahin kam, oder er haͤtte 
hei sich selbst gedacht: Von Rom mußt du weg bleiben; da 
indest du keinen Markt; da sind die Leute so weise, so tue 
zendhaft, so gluͤcklich, daß sie die Weisheit, die Tugend, das 
Bluͤck, das du im Namen Jefu Christi des Gekreuzigten au⸗ 
zietest, nicht brauchen koͤnnen. Paulus aber ist kein Knecht 
ver Menschen, sonbern ein Knecht Christi. Darum will er 
nach Rom hin. Wo Christo gedient werden kann, will er hinz 
nicht den Menschen zu gefallen, dem Heilande zu gehorchen, 
vill er nach Rom hin. Nicht verwoͤhnten Sinn zu kitzeln, 
Seelen zu gewinnen, will er auf die Hoͤhe fahren und nach 
Rom hin. Mitten in das stolze, selbstgefaͤllige, aufgeblasene 
Rom will er hin. Als er nun der dortigen Gemeinde die 
Aussicht auf sein Kommen eroͤffnete, giebt er ihr — damit 
je wisse, wie er seine Stellung zu der Welt⸗Hauptstadt an⸗ 
tehe — die Erklaͤrung, und ich schaͤme mich des Evangeli 
von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, selig zu 
machen Alle; die baran glauben ).“ — Wie musterhaft Pau⸗ 
us fuͤr uns werde, indem er so da steht, hat der liebe Draͤ⸗ 
eke mit meisterhaften Zuͤgen (S. 24) dargestellt. Falsches 
khrgefuͤhl haͤlt fuͤr Ehre, was nimmer ehren kann, z3. Be 
Wber religioͤse Gegenstaͤnde zu witzeln, Gottesfurcht als Vor⸗ 
artheil zu belaͤcheln; falsche Schaam haͤlt suͤr Schande, was 
rimmer schaͤnden kann. „So sind Menschen aus falscher 
Schaam in Verlegenheit gekommen durch die Eindruͤcke, 
die eine fromme Erziehung bei ihnen zuruͤckgelassen hatte, 
and sind beflissen gewesen, dergleichen Regungen zu vernich⸗ 
en.“ Wie wahr! Gewiß hat mancher unserer Leser diese Er⸗ 
ahrung schon gemacht, oder macht sie noch. „Wie, heißt es 
hei dem großen Theil Christen, der nicht durch Christi Geist 
zegiert wird und regiert werden will — wie? Du achtest woch 
ruf die altmodischen Ermahnungen Deiner Eltern? Wie? 
Du hoͤrst noch nach den Bußpredigten graͤmlicher Sonderlinge ? 
Wie? Du haͤngst noch an den Kinderstuben⸗Maͤhrchen von 
Himmel und Hoͤlle, Auferstehung und Weltgericht? Wie7? 
Du traͤumst noch von einem Gluͤck des reinen Herzens und 
pon einem Frieden des guten Gewissens? Giebt es denn 
reine Herzen und gute Gewissen? Ist nicht alle Tugend 
Maske? Kennst Du nicht das ABC der gesunden Ver— 
zunst? Meinst Du wirklich, Gott habe einen Sohn? Und 
der Mensch beduͤrfe Erloͤsung? Und die Erloͤsung sei ge⸗ 
chehen am Kreuz? Du nimmst also noch, was in der Bibel 
deht, an? Du haͤltst noch auf ein Buch, dessen Zeit voruͤber 
st? Du gehst noch zur Kirche? Du feierst noch Abendmahl ? 
Du naͤhrst noch den Wahn, Gebet werde erhoͤrt? Du bildest 
Dir noch ein, den Rath Gottes umzustimmen, wie die 
) Mochten wir doch so denken, Ueder Leser, aund so dandeln. Nenmne 
ungs der einen Narren oder ein Anderer einen Mystiker, oder ein Dritter einen 
pietistene wir werden es in der Ordnung einer verkehrten Welr anden, auf 
dere Wege zedech weicd es und nicht belngen.
	        
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