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Volume No. 26, 30. Juni 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

waͤrtigen. Große Schweizerische Bilder steigen auf vor meiner 
Phantasie; ich durchreist noch einmal mit meinem Bruder 
und Haugwitz, von Kanton zu Kanton, dieses Land der 
zroßen Natur und der reinen Menschheit. Ich hoͤre den 
Botthard rauschen mit hundert Katarakten, sehe vom Gipfel 
des Rigi noch einmal die Sonne untergehen uͤber dreizehn 
Been, sehe den gruͤnlichen, von Felsen eingeschlossenen Wal⸗ 
senstaͤdter See, in welchen sich uͤber Klippen, mit Eschen⸗ 
huͤschen behaͤngt, silberne Stroͤme stuͤrzen mit lautem Getoͤse, 
sehe die unbestiegenen, von ewigem Schnee bedeckten Alpen, 
besuche die Schlachtfelder, wo eine Hand voll Helden ganze 
Heere vertilgte, hoͤre in fruchtbaren Thaͤlern das Gelaͤute der 
Heerden, von welchen sich naͤhren die gluͤcklichsten und besten 
Menschen — Menschen, frei wie die Adler Gottes und ein⸗ 
faͤltig wie die Tauben. Vom weinbehaͤngten Ufer des Lo⸗ 
zarnex See's versetze ich mich an den Rheinfall bei Schaf⸗ 
hausen — und meine Seele erhebt sich in frohem Schauer 
beim groͤßten und koͤstlichsten Anblick der Natur. Wenn dann 
meine Phantasie ermuͤdet ist und ausruhen will, so fuͤhre ich 
sle in das Haus meines Lavaterz es wird mir wohl, wie 
mir jedesmal innig wohl ward, wann ich die Schwelle dieses 
zeliebten Hauses betrat. Inniger Friede, stiller, seliger Ge⸗ 
auß erfuͤllte oft meine Seele, noch ehe ich ihn sah, wann 
nir seine lieben Kinder, froh und kosend, entgegen liefen, 
oder wann ich durch die halb offene Thuͤr des Nebenzimmers 
seine treue, sanfte, liebenswuͤrdige Gattinn erblickte. Und 
wann ich ihn selbst nun sah! Wann er mit seiner herzlichen 
kiebe uns Alle in seine Arme-schloß — O mein liebster 
Claudius, Sie muͤssen ihn selbst noch sehn! — Die heiße 
Thraͤne stuͤrzt mir auf's Blatt — Worte fehlen wir, wann 
ich von Lavater sprechen will; und doch, doch will ich von 
hm stammeln, weil auch Sie ihn so innig lieben 
Sie wissen, mein Theurer, wie viel ich von ihm erwar⸗ 
tete, wie sehr ich mich auf ihn freute! — Ich bewunderte 
—— ich 
liebte sein Herz, ehe ich ihn selbst sah. Aber wie gewinnt 
dieses Herz, naͤher gekannt zu sein, dies Herz, das so viel 
amfaßt, als sein Genie! Dies Herz, das vor Eifer brennt 
und doch so voll ist von sanfter Toleranz! Dies Herz, das 
so vielen Freunden sich oͤfnen kann, und Jedem, als waͤre 
er der Einzige! Dies Herz, das nie mit sich selbst in Wider⸗ 
spruch ist, sondern immer einfaͤltig, wie ein Kind — und 
doch so groß, so uͤberwallend, so kuͤhn, so frei, so allgemein 
wirkend, so sorgsam im Kleinen und im Großen, so entschlos⸗ 
sen, so feurig, so voll Heldenmuths, so lauter in seinen rei⸗ 
nen, ungemischten Empfindungen! Keinen Mann habe ich 
gesehen, der im Guten und Großen immer so kuͤhn bis an 
die Grenze des Uebertriebenen floͤge und doch so selten diese 
Grenze uͤberschritte, stets von einem ihn nie verlassenden Ge⸗ 
fuͤhl des Wahren begleitet, immer erhellt durch eine Fackel, 
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F 
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welche ihm den Pfad sichert, ihm rund umher bestaͤndig neue 
Gegenstaͤnde zeizsßgßt. a 
(Beschluß folgt.) 
Nachklaͤnge des heiligen Pfingstfestes. 
Das Wesen und die Nothwendigkeit der Kirche scheint 
n unserer Zeit selbst von den Glaͤubigen zu wenig erkannt 
u werden. Die Kirche erscheint jetzt ganz losgerissen von den 
kinzelnen. Jeder glaubt genug gethan zu haben, wenn er 
nach dem ersten Zuge der Gnade sich selbst eine gewisse Ueber⸗ 
xugung bildet und dann den Prebiger und den Umgang auf⸗ 
ucht, welcher ihm individuell am meisten zusagt. Daß die 
Kirche denselben Glauben hege, er bloß als Glied dieser Kirche 
mit Christo, dem Haupte der Gemeine, im Zusammenhang stehen 
muͤsse, ist eine sehr in den Hintergrund gedruͤngte Vorstellung. 
Daher die Gleichguͤltigkeit gegen die Verschiedenheit der Kir⸗ 
chen, gegen den oͤffentlichen Gottesdienst; man erkennt in der 
Lirche nur eine Anstalt zur Befriedigung der religiosen Be⸗ 
uͤrfnisse. Dringt man aber dagegen auf die nothwendige 
kinheit, so wird die Kirche ideal gefaßt, d. h. nicht als die 
Bersammlung der durch Ein Glaubensbekenntniß Verbunde⸗ 
ren, welche theils lebendige, theils todte Glieder sind, son⸗ 
ern als die erst zukuͤnftig als Kirche erscheinende Gemein⸗ 
schaft aller Heiligen, die jetzt nur in der Liebe sich beweisen 
vnl. Biese Richtung ist hoͤchst gefaͤhrlich, und wuͤrde, wenn 
der Herr ihr nicht steuerte, zur voͤlligen Vernichtung des 
Ehristenthums auf Erden fuͤhren. Denn Gott hat vielmehr 
⸗on Anfang verschiedene Kirchen gestiftet nach den verschie⸗ 
denen Geistern, die in alle Lande ausgehen, und sie sollen 
cben so gesondert und unvermischt sein, wie die Glieder am 
deibe (1. Kor. 12.), auch eben so von Einem Leben, d. h. dem 
Einen wahren Leben durchstroͤmt (Ephes. 4, 4. 5.). Es soll 
Niemand ein Christenthum fuͤr sich haben, sondern wie alle 
inzelnen Fasern eines Gliedes nur durch das ganze Glied 
twas sind, so die Einzelnen nur im Glauben und der Ge⸗ 
neinschaft ihrer Kirche. Daher fordert die Schrift eben so 
zestimmt, daß man die Gemeinschaft seiner Kirche nicht ver⸗ 
asse, so lange diese den Glauben haͤlt und also nicht erstor⸗ 
zen ist. Inmittelst erscheinen jener feste Glaube und die dar⸗ 
zuf gebauete Kirche Vielen als widerwaͤrtige Fessel, als Wort⸗ 
raͤmerei, das unverruͤckte Halten darauf als Mangel an Ein⸗ 
alt und Demuth. Man empfiehlt dagegen nur Glauben au 
den Fleisch gewordenen Sohn Gottes, alle andere Differen⸗ 
zen, die doch diesen Glauben schmaͤlern, dahin gestellt sein 
assend. Das haͤngt mit der allgemeinen falschen Vergeisti⸗ 
zung zusammen, welche unsere Zeit beherrscht, Es gilt aber 
nehr, naͤmlich das ganze Geheimniß des Fleisch gewordenen 
Sohnes Gottes nach seiner Hoͤhe, Breite und Tiefe durch
	        
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