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Volume No. 1, 7. Januar 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

Nothwendlige Glossen 9 
zu besserem Verstaͤndniß des Hegelschen Nekrologs in der 
Allgem. Preuß. Staats-Zeitung Nr. 333 von 1831. gr. 8. 
geh. 4 Sgr. (zum Besten der sittlich verwahrlosten Kinder) 
sind bei Ludwig Oehmigke, Burgstraße Nr. 8., erschienen, 
Der Glossator, wie man aus dem im Anhange enthaltenen 
Gedichte auf Hegel's Tod sieht, ein Schuͤler des Verstor⸗ 
benen, scheint nicht von hier zu sein, und fuͤr seinen schalkhaften 
Versuch um so mehr Dank zu verdienen, als unsers Wissens 
kein hiesiger Schuͤler des Philosophen uͤber den von —R 
gelieferten Nekrolog desselben oͤffentlich sich geaͤußert, und ge⸗ 
gen die mancherlei Versuͤndigungen, die derselbe enthaͤlt, 
Protest eingelegt hat. Warum ist das wohl unterblieben? 
Es waͤre betruͤbt, wenn es an dem Muthe, damit hervorzu⸗ 
treten, gefehlt haͤtte. Was hilfts? im Stillen bei einer 
Tasse Kaffee oder Thee uͤber die Sprachverrenkungen, um 
bei diesem Theile des Nekrologs nur stehen zu bleiben, zu 
zlossiren? Der Schuͤler Hegel's, dessen gereimte Glos⸗ 
sen nicht ohne attisches Salz sind, gefaͤllt uns besser, und 
oertritt auf eine hoffnungerregende Weise die gekraͤnkten 
Rechte des guten Geschmacks. — 
Das im Anhang mitgetheilte Gedicht zeigt von der 
Pietaͤt seiner Gesinnung gegen seinen verstorbenen Lehrer, der 
am 18ten Januar 1831 nebst dem Dr. Schleiermacher 
die dritte Klasse des rothen Adler⸗Ordens zu großer Freude 
des Publikums von der Gnade des Monarchen empfing. — 
Vergleicht man hiermit die Erzaͤhlung des Hegelschen Ne—⸗ 
krolog'sten in der obigen Nummer der Staatszeitung, so 
scheint es, als wenn der, unter den Vermischten Nachrichten 
der Vossischen Zeitung vom 15ten Dezember 1831 enthaltene 
Artikel, den wir unsern Lesern in der Note mittheilen »), 
fuͤglich als eine prosaische Randglosse betrachtet werden kann. 
GSlosse heißt Auslegung, Borterklaͤrung * 
) Sultan Mahmud hat bekanntlich einen neuen Orden gestiftet, dessen 
zus einem Persischen und Arabischen Worte bestehende Devise (Nischani 
laliehar) fuür seine Regierung charakteristisch ist. Sie bedeutet so viel als 
Zeichen der Beruhmung. Diesen Orden hatte ein ausgezeichneter Molla er⸗ 
halten, der zehn Monate darauf verstorben war. In dem Nekrolog dessel⸗ 
ben, den der neue Ottomanische Moniteur lieferte, hatte der Verfasser, ein 
uger Kadi, von dem in Constantinovel viel Aufheben gemacht wird, am 
Schlusie einfliehen 1assen, daß der verstorbene Molla endlich! auch den obi⸗ 
zen Orden, und damit die verdiente Anerkennung seiner Verdienste erhalten 
habe. Als der Sultan dies gelesen, hat er dem Reisefendi befohlen, in 
dem Archiv niederzutegen, daß der Kadi niemals eine Auszeichnung erhalten 
olle, da man nicht vortzer wisse, wie bald, wenn ihm einmal eine solche zu 
Theil würde, der Tod ihnn abrufen konne, und nur auf diese Weise sur den⸗ 
lenigen, welcher seinen Nekrolog schreiben werde, der Anlaß zu einer Ve⸗ 
nertung abgeichnitten werde, welche eine gemeine und bamische Gesinnung 
tund gebe. — Diese Entschliegung Eultan Mabmuds ist von den Türken 
und Fremden sehr gepvriesen worden 
Zur Charakteristik mancher Armen 9. 
Es vergeht keine Woche, wo die Geistlichen der großen 
zaͤdtischen Parochien nicht mehrere Freitaufen haben. Meh—⸗ 
rere derselben machen auch nicht die geringste Schwierigkeit, 
se zu bewilligen, sobald ihnen ein Armuthszeugniß von der 
betreffenden Armen⸗Commission vorgelegt wird. Daß bei Auf⸗ 
tellung derselben von den Armen⸗Commissionen mit Vorsicht 
and Gewissenhaftigkeit verfahren werde, ist, obwohl es sich 
von selbst versteht, von der Armen⸗Direction mehrfach und 
dringend bevorwortet worden Seit einiger Zeit dringen nun 
die Geistlichen einer Parochie darauf, daß saͤmmtliche Frei⸗ 
aufen Sonntags Vormittags geschehen, weil die Eltern in 
der Regel Nachmittags eine Menge Tanufzeugen bitten, und 
dann große Schmausereien veranstalten, bei denen auf Kosten 
der geladenen Gaͤste getanzt zu werden pflegt. Da hat es sich 
denn min schon haͤufig gefunden, daß die Leute lieber auf 
die freie Taufe verzichten, und die Gebuͤhren bezahlen, als 
daß sie sich gedachter Bedingung unterwerfen. Der Leser 
sieht also, daß es Leute unter den sogenannten Armen giebt, 
die arm sind, wenn man ihnen Alles gewaͤhrt, was sie ver⸗ 
angen, die aber noch Geld haben, wenn man eine Wohl⸗ 
chat, die sie nachsuchen, an Bedingungen knuͤpft, die ihnen 
nicht anstehen, und deren Erfuͤllung ihnen gleichwohl nicht 
die mindeste Beschwerde verursacht. — Vielleicht sammelt 
der Kuͤster der Parochie, von welcher wir Obiges erzaͤhlen, 
die von den Armen⸗Commissionen ausgestellten Armuthszeug⸗ 
nisse solcher Lente, um sie der Armen-Direction, und durch 
diese den Armen-Commissionen bekannt werden zu lassen, da⸗ 
mit sie doch Einige von ihnen kennen lernen. 
Xus dem Tagebuche des Eremiten am Kreuzberge. 
Es war Sonntag. Freundlich beleuchtete die Sonne die 
hor mir liegende Stadt: die Glocken luden ein zum Besuche 
der Gotteshaͤuser. Da gewahrte ich, nicht weit von meiner 
Huͤtte, einen kleinen Haufen roher Menschen, die gewiß nicht 
das Gluͤck gehabt hatten, in ihrer Jugend zur Schule angehalten 
vorden zu sein, die bestimmt spaͤter in ihren Juͤnglings— 
ahren in Sitten verderbender Gesellschaft gewesen, und die 
nun in der schaͤndlichsten Unwissenheit und in aller Bosheit 
zu Maͤnnern herangereift waren. Wer ihre Unterhaltung 
mit anhoͤrte, konnte nicht anders, als dieser Meinung sein. 
Wie mußte es in ihrem Kopfe, in ihrem Herzen aussehen; 
wie ungluͤcklich mußten sie sich fuͤhlen bei aller ihrer zuͤgello⸗ 
*) Die Mitttzeilung solcher Züge aus dem Leben dürfte in mehrfacher 
hinsicht von Juteresse sein. Wir werden damit fortfahren, und für Mir⸗ 
heilung dewahrter Falle besonders dankbar sein. Red
	        
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