Path:
Volume No. 22, 2. Juni 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

U 
Streben der Arbeitenden gestͤrt werden. Alle Experimente 
des Mercantil⸗Systems, des gesetzgeberischen Eingreifens in 
den innern und aͤußern Verkehr der Arbeitenden und der 
Austauschenden haben zu dem Resultate gefuͤhrt: Je weniger 
Einmischung von Seiten der Regierung, desto besser. Gegen⸗ 
seitigkeit, das ist das wahre nuͤtzliche Gesetz fuͤr alle inter⸗ 
nationale Geschaͤfte und auch fuͤr den Verkehr der Unterthanen 
desselben Landes. Irrig ist es, wenn die Regierung die 
Stadte schuͤtzen will gegen die Gewerbtreibenden auf dem 
Lande. Wenn eine Stadt nur durch solche kuͤnstliche Zwangs⸗ 
maßregeln bestehen kann, so ist es Beweis, daß ihre Existenz 
kein Beduͤrfniß der gegenwaͤrtigen Zeit ist, und es ist gar 
kein Grund vorhanden, ihr Absterben zu fristen durch Unge⸗ 
rechtigkeit gegen die umgebenden Landbewohner. Alle solche 
Gesetzgebung, wodurch Zunftwesen, Ausschließlichkeit des Ge⸗ 
werbsbetriebs und dergl. erhalten werden soll, erinnert an die 
Befehle, wodurch ehemals die Ausfuhr der edlen Metalle 
auf's Strengste verboten wurde. Dadurch glaubte man ein 
Land keich zu machen. Wir lachen jetzt uͤber diesen Mißgriff, 
aber noch geschehen taͤglich aͤhnliche und werden den Ragie⸗ 
rungen unter allerhand Vorwaͤnden empfohlen! — Also die 
Aufgabe der Regierung ist: Schutz nach Außen und nach 
Innen; nach Innen sowohl fuͤr das Bestehende, Erworbene, 
als auch fuͤr die Arbeit, d. i. fuͤr diejenigen, die in Bewegung 
sind und erwerben wollen. Der Grad der Bewegung ist aber 
sehr verschieden. In einigen Staaten fast erloschen, ein Men⸗ 
schenalter gleicht volllommen dem vorigen, und außer dem 
unvermeidlichen Schritte zum Kirchhofe waͤre schier voͤlliger 
Stillstand. In dem andern Lande schreitet Alles vorwaͤrts, 
weil Alles mit Lust arbeitet, zu dem Ziele, seinen Zustand 
durch eigene ehrliche Anstrengung zu verbessern; da sind die 
Menschen zufrieden, und, wenn sie Gott und sein Wort im 
Herzen und vor Augen haben, auf die rechte Weise froͤhlich. 
Am schlimmsten ist es in einem Staate, wo der Wohlstand 
ruͤckwaͤrts schreitet, wo die Quellen des Erwerbes persiegt 
sinb. — Die Aufgabe des Staas ist aber nicht: Schutz fuͤr 
Eigenthum und Arbeit einer bestimmten, sich gleich bleibenden 
Zahl Menschen, sondern vielmehr fuͤr eine unbestimmte Zahl 
bon Buͤrgern, welche bestaͤndig streben, sich zu vermehren, 
und zuverlaͤssig sich vermehren, sobald sie sich wohl befinden. 
Das ist die schwierige Aufgabe. (In Frankreich, wo vor 
der Repolution 24 Millionen Menschen lebten, sind jetzt 32, 
die alle leben wollen und güt leben moͤchten. In Irland hat 
sich die Volksmasse binnen wenig Menschenaltern vervierfacht. 
In unserem Staam ist seit 18015 mehr als eine Million Ueber⸗ 
schuß an Geborenen.) 
Zum Armenwesen. 
— —Den Reichen fehlt es nie 
An Gruͤnden, sich die Schulbd der Armuth auszudenken; 
Dagt aber, ist es Traͤgheit, wenn ein boses Fieber 
Das trockne Brod dem Kranken ungenießbar macht? 
Ist's Muͤßiggang, wenn der geringe Tagelohn, 
Was jeder Tag bedarf, nicht halb bezahlt? 
Wenn mit den Kindern das Beduͤrfniß waͤchst? 
Diesen nach Robert Southey gedichteten Versen mag 
Folgendes zur Erwaͤgung beigefuͤgt werden: Wie von der 
menschlichen Zunge alles Ueble und alles Gute gesagt wer⸗ 
den kann, so auch von der Vielkinderei. Die wahre, die 
inzige Methode, nicht zur Abhuͤlfe aller, aber zur moͤglich⸗ 
den Verminderung der Uebel, die aus Vielkinderei entsprin⸗ 
zen und immer entspringen werden, so lange die Erde von 
Menschen bewohnt wird, ist Wetteifer, freier Spielraum fuͤr 
alle guten Kraͤfte, kurz und gut: Freiheit. Die Einrichtungen 
zeines Landes sind in dieser Hinsicht mit denen unseres Vater⸗ 
andes (seit 1807) zu vergleichen. Die Arbeit der Menschen, 
velche gut oder schlecht ist, wie die ihm in verschiedenem 
Maße verliehene Kraft, kann jede zu ihrem Ziele, zu ihrem 
dohne gelangen; Tag fuͤr Tag ist ein effener ehrlicher, guter 
Wettlauf, freie Concurrenz, wie aller Waaren auf dem Markte, 
dv. aller fuͤr das Gemeinwesen ersprießlichen Tugenden, die 
nnerhalb der Grenzen vorhanden sind, und Gerechtigkeit fuͤr 
Alle. Vielkinderei ist eine der reichsten Quellen der Armuth; 
es waͤre wohl sehr zu wuͤnschen, daß die Geistlichen Vorsicht 
in Ansehuug des Heirathens predigten. Denn Tausende hei— 
rathen, ohne im Allergeringsten voraus fuͤr die zu erwartende 
Familie gesorgt zu haben. Dem Unvorsichtigen aber draͤngt 
sich das Elend in's Haus, so aewiß wie die Krankheit den 
Unmaͤßigen besucht. 
Sogogruypihh. 
Ich zeige Dich thaͤtig und rege; 
Versetzt nur muͤßig und traͤge. 
Aufloͤsung des Raͤthsels in der vorigen Nummer. 
Gasthofschild. 
Redacteur und Herausgeber: Dr. Karl Dielitz, Kronenstraße Nr 32 Gedruckt bei A. W. Hayn.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.