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Volume No. 2, 14. Januar 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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hen. Mie hat in dieser Zeit ein Woͤlkchen Laune unsre Freund⸗ 
schaft umdaͤmmert, denn auch als Freund war Klopstock 
„Eiche, die dem Orkan steht. ““ 
Hatte er einmal gepruͤft und geliebt, so waͤhrte diese Liebe 
ewig. 
Klopstock war heiter in jeder Gesellschaft, er floß uͤber 
von treffendem Scherze, bildete oft einen kleinen Gedanken 
mit allem Reichthum seiner Dichtergaben aus, spottete nie 
bitter, stritt bescheiden und ertrug Widerspruch gern; aber 
harum war er kein Hofmann, wenn man auch nur einen ge⸗ 
falligen unter dem Worte versteht, der sich schnell bei Hoͤhern 
einschmeichelt. Seine Geradheit hielt ihn vielmehr von der 
Bekanntschaft mit Vornehmern zuruͤck, nicht, daß er Geburt 
und Wuͤrden nicht schaͤtzte, aber er schaͤtzte den Menschen 
doch noch mehr. Er forschte tirser, nach innerem Gehalt, so⸗ 
dald ihn Erziehung und Glanz blenden konnten, und er 
fuͤrchtete als eine Beschimpfung die kalte beschuͤtzende Herab⸗ 
assung der Großen. Darum mußte nach dem Verhaͤltnisse 
des Ranges ein Vornehmerer immer einige Schritte mehr 
thun, wenn ihm an Klopstockes Achtung gelegen war. 
Selten fand man ihn in der sogenannten feinen Gesell⸗ 
schaft, naͤmlich im Zirkel abgeschliffener Leute, bei welchen, wie 
auf Koͤnig William's Schillingen, kaum ein Gepraͤge mehr 
kenntlich ist, die sich taͤglich ohne Liebe suchen, ohne Kum⸗ 
mer verlassen, uͤber Alles hinweggleiten, an nichts Theil 
nehmen, ihre Zeit unter Spielen und Schmausen wie eine 
Buͤrde fortschleppen, mit einem Worte: solcher Leute, die 
auf der Leiter der Wesen nur Einen Sproß hoͤher stehen, 
als Puppen in einem Uhrwerk, welche, auf ihrer Walze be⸗ 
sestigt, sich ewig auf derselben Schwunglinie drehen. Dafuͤr 
zog er lieber mit ganzen Familien seiner Freunde auf's Land; 
Weiber und Maͤnner, Kinder und Diener, Alle folgten und 
freuten sich mit. Dann suchte er mit seinen Vertrauten un⸗ 
vegsame Oerter auf, finstere, schauervolle Gebuͤsche, ein⸗ 
same, unbewanderte Pfade, kletterte mit ihnen jeden Huͤgel 
hinauf, spaͤhete jedes Naturgesicht aus, lagerte sich mit ih— 
nen unter einer schattigen Eiche und ergoͤtzte sich an den 
Spielen der Jugend, in die er sich nicht selten mischte. Oft 
eigte Klopstock auf einen fernen Baum. Dorthin! rief 
er dann, aber geradezu? — Wir werden auf Morast und 
Braͤben tressen, nun, dann bauen wir Bruͤcken! — Und so 
wurden Aeste gehauen; wir ruͤckten mit Faschinen beladen als 
foͤrmliche Belagerer fort, sicherten uns den Weg und erreich⸗ 
en das Ziel. Wie oft zog er mit einer ganzen Schwadron 
Knaben so fort. 
Klopstock's Leben war ein bestaͤndiger Genuß. Er aͤber⸗ 
ließ sich allen Gefuͤhlen und schwelgte beim Mahle der Na⸗ 
tur. Mur wenn sie aus dem Kunstwerk athmete, war die 
Kunst seiner Huldigung werth, aber sie mußte auch gewaͤhlt 
hzaben, was Herzen erschuͤttert oder sie sanft bewegt. Ge⸗ 
naͤlde ohne Leben und Weben, ohne tiefen Sinn ünd 
prechenden Ausdruck fesselten seine Beobachtung nicht: 
ber zeigte man ihm Bouchardon's Tiresias, wie er 
die Schatten beschwoͤrt, Rembrand's Lazarus, wie er 
um Leben erwacht, Rubens sterbenden Christus: 
dann hing er trunken am Bilde. — Musik durch⸗ 
kroͤmte ihn, wann sie klagte, wie die leidende Liebe, oder 
Hoffnungswonne seufzte, oder stolz daher toͤnte, wie das 
Jauchzen der Freiheit feierlich durch die Siegespalmen 
zallt. Sollte sie ihm im Liede gefallen, so mußte sie der 
Dichtkunst nur ganz untergeordnet dastehen, die Singe⸗ 
timme folgsam begleiten, nie das Lied verhuͤllen, sondern 
eicht umschweben, wie der Schleier eine Griechische Taͤn⸗ 
zerinn. O, wie oft lauschten wir an Gerstenberg's Kla⸗ 
vier, wann er den holden Wechselgesang mit seiner zaͤrtlichen 
Battinn anstimmte! Gersten berg lebte damals in Lyngbyn, 
aahe bei Bernstorff, und hatte durch eine Reduction den 
groͤßten Theil seiner Einkuͤnfte verloren; aber in seiner Huͤtte 
wohnten heitere Ruhe der Tugend und alle Freuden der Liebe. 
Die freudenvollste Zeit des Jahres fuͤr Klopstock war: 
„Wann der Nachthauch glaͤnzt auf dem 
stehenden Strom.“ 
Kaum daß der Reif sichtbar ward, so wurden auch Schlitt⸗ 
schuhbahnen aufgespuͤrt. Ihm waren um Kopenhagen 
alle kleinen Wassersammlungen bekannt, und er liebte sie 
nach der Ordnung, wie sie spaͤter oder fruͤher zufroren. 
Eine Mondnacht, auf. dem Eise zugebracht, war ihm eine 
Festnacht. In dem Schlittschuhlaufen entdeckte sein Scharf⸗ 
inn alle Geheimnisse der Schoͤnheit, Schlangenlinien, gefaͤl⸗ 
iger als Hog art h's, Schwebungen, wie des Ppythischen 
Apoll. Die Hollaͤnder schaͤtzte er gleich nach den Deut⸗ 
schen, weil sie die besten Schlittschuhlaͤufer sind. Einst traf 
ich ihn bei einer Karte in tiefem Nachsinnen anz er zog 
dinien, maß und theilte. Das wird wohl gar, rief ich, das 
System eines bessern Staatsgleichgewichts? — Sehen Sie, 
war die Antwort, man vereinigt Meere; wenn man diese 
Fluͤsse verbaͤnde, hier einen Kanal zoͤge, dort noch einen — 
das waͤre doch unsrer Fuͤrsten noch wuͤrdig, denn so haͤtte 
man Deutschland durch eine herrliche Eis bahn vereinigt! 
In seiner schweren Geistesarbeit ward er durch keine 
Ueberraschung gestoͤrt. Ich hab' ihn, als er Herrmann's 
Schlacht und manche seiner Oden dichtete, zu allen Stunden 
des Tages und der Nacht uͤberfallen, und nie hab' ich ihn 
deshalb muͤrrisch gesehen; ja, es schien, als wenn er dann gern 
zurch eine leichte Unterhaltung sich erholte ⸗·— 
Sein Leichenbegaͤngniß, eines der feierlichsten, das je 
rinem Menschen zu Theil ward, zeigte die allgemeine Theil⸗ 
aahme seiner Mitbuͤrger. Alle in Hamburg anwesenden 
Besandten, alle angesehenen Buͤrger, Senatoren, Kaufleute, 
Prediger, Lehrer, Kuͤnstler begleiteten in 126 Wagen die
	        
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