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Volume No. 2, 14. Januar 1832

Full text: Der Berlinische Zuschauer / Dielitz, Johann Gottlob Ludwig Karl (Public Domain) Issue1.1832 (Public Domain)

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risch sei, daß besagte Greise, wann und wo sie auch unter⸗ 
kuͤtzt werden moͤchten, doch nicht hinreichend bedacht wuͤrden. 
Staͤnde die Sache wirklich so, alsdann wuͤrde sie schlimm, 
sehr schlimm stehen. Denn es hieße so viel, als die Moͤg⸗ 
lichkeit einer gehoͤrigen Armenpflege in unserer Commune 
aufgeben und die Taschen der Einwohner auf eine alle Maaße 
üersteigende Weise von vielen Seiten in Anspruch nehmen, 
ohne daß eine Seite weiß und Rechenschaft daruͤber geben 
kann, ob damit genuͤgend geschehe, was noͤthig ist. Denn 
s weiß ja keine Seite von der andern; alle wollen nur 
Beld fuͤr ihre Greise, Greisinnen u. s. w. Je mehr Geld, 
desto besser — o ja! fuͤr die sich nicht saͤumig finden lassen⸗ 
den Liebhaber, fuͤr die, so nicht arbeiten, allein doch, und 
war gut und moͤglichst oft, aber nicht wenig essen moͤgen. 
Und man meint, daß dies Segen bringen werde! Eine arge 
Taͤuschung. Wir werden dieses Kapitel oͤfter und im Ein⸗ 
zelnen heleuchten; fuͤr heute wollen wir nur einen Brief mit⸗ 
theilen, den die hiesige Armen⸗-⸗Direction dem Vorstande eines 
wohlthaͤtigen Vereins vor drei Jahren schrieb, weil es uns 
scheint, daß der Inhalt bekannter zu werden verdient, als 
dadurch geschieht, daß er in der Registratur fuͤr diejenigen 
rinzusehen ist, die amtlich Zutritt zu derselben haben. 
Und nun der Brief: 
„Ew. ⁊c. moͤgen sich in ergebenster Beantwortung Ihres 
gefaͤlligen Ruͤckschreibens zuvoͤrderst darauf fest verlassen, daß 
wir vorzugsweise Ihrem edlen Willen, fuͤr die leidende 
Menschheit nach Kraͤften zu sorgen, gern und von Herzen 
Berechtigkeit widerfahren lassenn. 
Wir danken Ihnen zugleich fuͤr die schaͤtzbare Offenheit 
Ihrer Mittheilung, daß das Publikum uns kein vollstaͤndiges 
Zutrauen schenke, und die Anfuͤhrung zweier Faͤlle, womit 
Die diese Ansicht belegen zu duͤrfen glauben. n 
Lieber waͤre es uns freilich gewesen, wenn Sie diese 
Faͤlle namentlich aufgesuͤhrt und uns dadurch in den Stand 
zesetzt haͤtten, uns vollstaͤndig daruͤber auszusprechen. 
Aber auch ohne dies sind wir der Meinung, daß, was 
die 83 jaͤhrige Frau betrifft, deren Sie gedenken, und die, 
wvie Sie selbst sagen, in das Hospital aufgenommen worden, 
es eine ernste Pflicht der Armen-Verwaltung und jedes ein⸗ 
jelnen Christen ist, darauf zu sehen, daß das heilige Band 
wischen Eltern und Kindern dadurch nach Gottes Willen ge⸗ 
chrt werde, daß diese nicht aus der Verpflichtung gelassen 
werden, fuͤr jene nach Kraͤften zu sorgen. — Es nimmt ung 
billig Wunder, daß Sie nach so langen und ruͤhmlichen Be⸗ 
muͤhungen fuͤr Zwecke der oͤffentlichen Wohlthaͤtigkeit, noch 
aicht die traurige Exfahrung gemacht haben, wie, leider! nur 
zu haͤufig Kinder dieser Pflicht sich zu entziehen und, sie un⸗ 
ter dem Gesichtspunkt einer Last betrachtend, auf die Com 
mune oder Aberhaupt von sich abzuwaͤlzen bemuͤht sind. Die⸗ 
sem mit Ernst entgegenzutreten, ist unser fester Wille; Ih⸗ 
ꝛen Grunbsatz, daß von dem gesundesten Greise oder einer 
avch so gesunden Frau von 70 Jahren keine Selbsterhaltung 
nehr begehrt werden sollte, koͤnnen wir nicht nur nicht an⸗ 
rkennen, sondern als Grundsatz nur hoͤchst verderblich 
iuden. Es giebt nicht wenige, Gottlob! so gar viele Leute 
in diesem vorgeschrittenen Alter, die vollkommen arbeitsfaͤhig 
and arbeitslustig sind; sehr viele sind relativ arbeitsfaͤhig, und 
in Ermangelung verpflichteter Verwandten muß dann hinzu⸗ 
zetreten werden, wie es denn auch nach Maaßgabe jedes ein⸗ 
elnen Falles ausreichend geschieht. — Ueberraschend mußte 
ins aber Ihre Bemerkung sein, daß so wenig ArmenAerzte 
ind diese so schwer zugaͤnglich seien! die Medizin schwer und 
angsam zu bekornmen waͤre! — Von dem Gegentheil haͤtte 
Die auch nur die oberflaͤchliche Bekauntschaft mit der beste⸗ 
)enden Einrichtung uͤberzeugen koͤnnen; wir sind weit ent⸗ 
ernt, diese fuͤr vollkommen zu halten; aber das wissen wir 
ind das sieht jeder Unbefangene auch ein, daß gerade diese 
kinrichtung sehr verbessert worden, und die Leichtigkeit, aͤrzt⸗ 
liche Huͤlfe und Medizin unentgeldlich zu bekommen, so groß 
ist, daß, leider! davon nicht selten Mißbrauch gemacht 
vird. — Ueber den Fall des an einem chrouischen Uebel 
eidenden Knaben koͤnnen wir nur so viel bemerken, daß, 
venn ein Armen⸗Arzt es wirklich noͤthig findet, einem solchen 
Kranken Jahre lang Pulver zu verschreiben, die woͤchentlich 
10 Sgr. kosten, sie unbedenklich, und kostfeten sie auch viel 
mehr, verabreicht und von uns bezahlt werden. 7 
Darin geben wir Ew. ꝛc. voͤllig Recht, daß die Armen⸗ 
pflege zur Gesammt⸗Angelegenheit der gebildeten Staͤnde er⸗ 
hoben werden muͤsse, nur muͤssen wir uns uͤber den Begriff 
der „gebildeten“ Staͤnde verstehen. — Wir meinen darunter 
diejenigen Individuen (nicht Staͤnde) aus allen, den hoͤch⸗ 
sten wie den niedrigsten Klassen, „die ein gutes Geruͤcht 
haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind.“ — 
Apostelgesch. G, 3. — Solche Maͤnner, und wie wir auch 
inden, solche Frauen sind es, denen jetzt, wie in den ersten 
Zeiten der christlichen Kirche, die Sorge fuͤr die Armuth und 
hre Berathung als ungleich mehr umfassend, denn das bloße, 
dem Reichen bequeme und den Armen so oft verderbliche 
Beldgeben, uͤbergeben werden muͤssen. Es fehlt in unseren, 
Bottlob! fuͤr oͤffentliche Angelegenheiten nicht mehr so ganz 
anempfaͤnglichen und gleichguͤltigen Verhaͤltnissen gar nicht 
in dem Grade an Mitteln, als an der Aufsicht uüber ihre 
weckmaͤßige Verwendung, und an dem thaͤtigen Willen, sich 
den großen Muͤhen dieser oft erfolglosen und unbelohnenden 
Aufsicht mit nachhaltiger Selbstverleugnung zu unterziehen. 
Wie Viele sammeln nicht emsig und gern Geld und Geldes⸗ 
verth, ziemlich unbekuͤmmert uͤber die Mittel, meinend, der 
zweck heilige sie, und wuͤrden sich unangenehm getroffen 
uͤhlen, wenn einmal dieses Sammeln nachdruͤcklichst verbo 
zen und der edlen Thaͤtigkeit, die sich fuͤr das Wohl der
	        
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