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Die Dienstboten

Full text: Berlin und die Berlinerin / Ostwald, Hans (Rights reserved)

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heirateten. Das heißt: die Dienftboten heirateten wohl meijt nicht {0 früh: 
zeitig. E$ mar bei ihnen Eitte, fich eine YNusfteuer zu verdienen. Auch heute 
i{t das noch manchmal der Fall. Aber die meiften Mäschen, die heute als 
Dienftboten gehen, denken nicht an die Zukunft. Sie verfpielen ibren Lohn, 
faufen bei jeder Gelegenheit Anfichtskarten und teure Geburtstagsgratu- 
lationen, tragen auch die neueften Hutformen — allerdings meift in höchft 
gefchmadlofen und überladenen Nachahmungen — und geben einen großen 
Teil ihres Lohnes für die Stellenvermittlerin und für die Koften des fort: 
mwährenden Stellenwechfelg aus. Unerhört viele von ihnen find von der 
modernen Unruhe befeffen. Um der geringften Dinge wegen geben fie eine 
Stelle auf — immer im Glauben, das nächfte Mal eine ideale Herrfchaft zu 
befommen, fich zu verbeffern. Schließlich wird ihnen die monatliche Ver- 
änderung [chon faft zur Gemohnheit. Und da das Mädchen oft getäufcht morden {ft 
— viele Hausfrauen haben leider die üble Taktik, dem Mädchen beim Mieten 
zu erzählen, daß es faflt gar nichts zu tun habe — [vo wird es dreift und fragt 
jede Dame erft nach der Zahl der Kinder, der Zimmer ufmy. Die Damen 
[ind darüber entrüftet. Yber fchließlich: das Mäbhchen hat doch die Yrbeit zu 
leiften und ein Recht, fich folche Urbeit auszufuchen, die feine Kräfte nicht über 
fteigen. Daß die Verhandlungen nicht immer in den Formen gefchehen, die 
son den Damen untereinander beachtet werden, ift auch begreiflih. Wenn 
|o ein Mädchen einer vielfachen Mutter [pottijch ins Geficht lacht: „Ich danke — 
fünf Kinder! Jeben Se man mein Buch her!“ dann wird fich die Mutter mohl 
verleßt fühlen. AWber Menfchen, die folche groben Urbeiten verrichten müffen, 
wie Die Dienftboten, merden felten fich feinere Umgangsformen aneignen — 
oder fie merden unehrlich Iriechen und unaufrichtig, Faßenfreundlich. Co 
lange die Dienftmädchen 16 Stunden und mehr anderen Menfchen zu Dienft 
jein müffen, fo lange fie Feine beftimmte Urbeitszeit und keine beftimmten 
Sreiftunden haben, fo lange fie nie ihre eigene Meinung äußern dürfen und 
dem längft veralteten SGefinderecht unterftehen, alfo fogar gezüchtigt werden 
dürfen, merden fich nur die derberen und IHmwerfälligeren Elemente diefem 
Berufe zuwenden. Intelligentere Märchen haben heute Iodendere Lauf: 
bahnen. Als Gefchäftsmädchen, alg Marenhäuslerin, Schreibmafchiniftin und 
Beamtin Fönnen fie moderner leben. Wohl gehen in die befferen Stellen, als 
Stüße oder alg Hausmädchen, noch intelligente Kräfte. In befferen und 
größeren Haushaltungen haben fie es auch leichter, haben fie oft eine freie 
Stunde. Uber fie müffen auch fehr häufig bis in die fpäte Nacht zur Vers 
fügung fteben, weil die Herrichaft Gäfte empfängt. Auch müffen fie alle 
Launen der nervöfen und aufgeregten Damen ertragen Fönnen. Sie tun das 
ja auch gern. Denn fie leben in einer molligen Schmarogerftellung. Bis zu 
einem agemillen Grade nehmen fie an dem mehr oder meniaer ünpiaen Leben
	        
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